Datensicherheit Die kleine schmuddelige Schwester der Aufklärung

Eine Szene aus Sofia Coppolas Kinofilm "Marie Antoinette". Der französischen Königin schadeten Berichte über die sogenannte "Halsbandaffäre".

(Foto: Leigh Johnson)
  • Der Fall des aktuellen Hackerangriffs zeigt im Brennglas, wie sich ein weit älteres Spiel fortsetzt:das zwischen Öffentlichkeit und staatlicher Gewalt.
  • Öffentliche Bloßstellung hat zum Sturz von Herrschern beigetragen, andererseits bespitzeln auch Regierende oft ihre Untertanen.
  • Wer von beiden im Internetzeitalter am längeren Hebel sitzt, ist vorerst noch offen.
Von Gustav Seibt

"G0d" war doch nicht so groß wie gedacht. Es war ein Schüler, der offenbar nicht einmal selbst programmieren konnte. Die Behörden hatten ihn längst im Blick, als Internetexperten noch verkündeten, man werde ihn wohl kaum finden können. Politischer Ärger sei das Motiv des jungen Hackers gewesen, der die Daten mehrerer Hundert Medienleute und Politiker zu Weihnachten ins Netz stellte. Die Absicht war Bloßstellung, eine Art von Privatrache, emotional getrieben, nicht strategisch durchdacht. Der Zweck solcher Aktionen ist keine spezifische Botschaft, sondern Verunsicherung: Ihr werdet beobachtet, fühlt euch nicht sicher! Der Fall zeigt im Brennglas, wie sich ein weit älteres Spiel fortsetzt, das zwischen Öffentlichkeit und staatlicher Gewalt.

Öffentliche Bloßstellung, das Ausagieren von Hohn und Schadenfreude gegen Prominente und Regierende, hat eine lange Tradition in der bürgerlichen Öffentlichkeit. Seit diese sich im Schatten des absolutistischen Staates und im Widerstreit mit ihm entwickelte und begann, sein Handeln vor den Gerichtshof der Vernunft zu ziehen, hat sie ihr Augenmerk auch auf das persönliche Leben und die private Sittlichkeit von Herrschern gelenkt.

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Der Historiker Reinhart Koselleck hat in seiner berühmten Studie "Kritik und Krise" analysiert, wie der potenziell grenzenlose Vernunft- und Moralanspruch der aufgeklärten Öffentlichkeit die friedenssichernde Funktion des Staates als Instanz oberhalb religiöser oder weltanschaulicher Parteien zu unterminieren begann. Das ursprüngliche Arrangement des aus den religiösen Bürgerkriegen des 17. Jahrhunderts hervorgegangenen, religiös neutralisierten Staates hatte in einem Ausgleich zwischen der Unbelangbarkeit des Staates und der Sicherung von persönlicher Gewissensfreiheit für die Regierten bestanden. Erst hier entstand die Privatsphäre als rechtlicher Raum. Öffentliche und private Sphäre sollten geschieden und zugleich ausbalanciert bleiben, um die Sprengkraft von Glauben und Moral aus dem Staatsleben zu entfernen, ohne den Bürgern ihre Sittlichkeit zu beschneiden.

Die Eröterung der Sittenlosigkeit der Regierenden war die schmuddelige Schwester der Aufklärung.

Diesen historischen Kompromiss stellte die Aufklärung mit ihrem universalen Vernunftanspruch infrage; sie habe damit der Revolution und erneuten Bürgerkriegen Vorschub geleistet, so Kosellecks bis ins 20. Jahrhundert ausblickende Diagnose. Der Historiker dachte dabei vor allem an die Geschichtsphilosophie, ein Fortschrittsdenken, das alle öffentlichen Einrichtungen unter den Vorbehalt "ewiger Revision" (um Jacob Burckhardts Formulierung aufzugreifen) stellte.

Die kleine schmuddelige Schwester solcher hoch gespannten Aufklärung war die Erörterung der Sittenlosigkeit der Regierenden. Hier war es nicht die Vernunft, die die Kriterien bereitstellte, sondern eine betont bürgerliche Alltagsmoral. Mätressenwirtschaft, Ehebrüche, sexuelle Abweichungen, Verschwendung, Ausschweifungen aller Art wurden durchgestochen und in meist anonymer Literatur auf dem Graumarkt unterhalb der Zensur verbreitet. Geschichtsphilosophisch war daran allenfalls ein Rousseauismus, der Zivilisation als Abfall von einer angeblich unschuldigen Natur brandmarkte.

Die letzten Jahrzehnte das Ancien Regime vor der Französischen Revolution waren eine Hochzeit solchen Shamings. Die junge Königin Marie Antoinette wurde als ausschweifende Partyqueen dargestellt, gar lesbischer Neigungen verdächtigt, was ihren Vertrauten in der Revolution besonders sadistische Behandlung bescherte. Voltaire war sich nicht zu schade, hämische Memoiren vom preußischen Hof zu publizieren, die die Homosexualität Friedrichs des Großen thematisierten. Den Höhepunkt erreichte die antihöfische Publizistik in der Affäre um einen fingierten Verkauf eines kostbaren Halsbands an Marie Antoinette. Sie versetzte der Reputation des Königshauses den Todesstoß.