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Flaubert-Übersetzerin Elisabeth Edl:Perfekter Handschuh

Elisabeth Edl

Elisabeth Edl benutzt für Flauberts eigene Überarbeitungen das Bild des Bergwerks, jeder Satz ein eigener Stollen durch die verschiedenen Fassungen.

(Foto: © D.P. Gruffot)

Acht Jahre hat Elisabeth Edl an der umjubelten neuen Übersetzung von Flauberts "Éducation sentimentale" gearbeitet. Ein Werkstattbesuch in Schwabing.

Von Alex Rühle

Acht Jahre. Für eine Übersetzung. Moment, nein, wiegelt sie sofort ab, "ich hab ja zwischendurch auch Flauberts ,Drei Erzählungen' gemacht". Und einen kleinen Modiano. Aber am Ende, die letzten drei, vier Jahre, das stimmt schon, da gab es nichts anderes, sieben Tage die Woche, jeden Tag bis acht Uhr abends. Elisabeth Edl wirkt nicht asketisch, wenn sie das sagt. Sie hat auch nichts Berserkerhaftes an sich. Eher wundert sie sich, dass man sich wundert. "So lange braucht das eben, wenn es gut werden soll."

Ein lichtdurchflutetes Eckzimmer, hoch über Schwabing. Von beiden Fenstern aus sieht man weiten Himmel, Ahornleuchten, Hinterhöfe. Am Boden liegen faustgroße Steine von der Ostsee, rundgewaschen vom Wasser und der Zeit. Hinterm Schreibtisch wächst ein Stapel Wörterbücher aus dem Parkett, obenauf eine Ausgabe der von ihr übersetzten "Madame Bovary".

In diesem Zimmer sind seit 2012 die "Lehrjahre der Männlichkeit", Elisabeth Edls neue Übersetzung von Gustave Flauberts "Éducation sentimentale" entstanden. Die Rezensionen in den letzten Wochen waren hymnisch. Aber wie ist das, wenn man jahrelang an ein und demselben Werk sitzt? Täglich in Flauberts Textbergwerk einfährt? Das Bild benutzt Edl selbst einmal, als es um Flauberts immer neue, eigene Überarbeitungen geht, "man kann ja wie im Bergwerk jeden Satz zurückverfolgen bis an seinen Anfang", jeder einzelne Satz ein eigener Stollen durch die verschiedenen Fassungen, so gut sind diese erhalten und elektronisch erschlossen.

Die "Éducation" ist, neben Goethes "Wilhelm Meister", der zweite große Bildungsroman, der das Genre freilich bereits an ein Ende führt, denn es gibt hier keinerlei Bildung im Sinne einer reifenden Entwicklung, sondern nur ein "Trümmerfeld der Träume" (Flaubert), konfusen Zickzack, verdruckst-vergebliche Liebe und am Ende, nach 30 Jahren Lebensmurks, das Resümee, der spannendste Moment sei wahrscheinlich ein kläglich gescheiterter Puffbesuch im Alter von 15 Jahren gewesen.

Irgendwie glitzernd - die Geschichte ist in ein riesiges Zeit- und Gesellschaftstableau gebettet

Gleichzeitig bettet Flaubert die Geschichte um Frédéric Moreau und dessen Sehnen nach der bourgeoisen Marie Arnoux und einem irgendwie glitzernden Leben in ein riesiges Zeit- und Gesellschaftstableau. Er selbst nannte den Roman die "moralische Geschichte der Männer meiner Generation", die den Knall von 1830, die Revolution von 1848 und das Kaiserreich miterleben und die, nach künstlerisch und/oder politisch hochfahrenden Monologen und Plänen, am Ende alle selbst Teil der erbärmlichen Verhältnisse werden.

Formal schwebten Flaubert Romane mit der "Dichte der Lyrik" vor. Also prüfte er jeden einzelnen Satz als rhythmische Sinneinheit wieder und wieder, so lange, bis Sprache und Inhalt ineinander passten wie die Hand in den perfekt gearbeiteten Handschuh. Als Charles in der "Madame Bovary" über die Felder galoppiert, zwingt Flaubert auch die Sprache in den Galopp: "Charles, à la neige à la pluie, chevauchait par les chemins de traverse." Während Edl den Satz laut deklamierend im Dreierrhythmus vorbeireiten lässt, klopft sie dazu auf den Tisch. "Da steht kein verbindendes ,und'. Grammatikalisch ist das falsch, aber es geht nur so." Also fehlt dieses "und" auch in ihrer Übersetzung: "Charles galoppierte bei Regen bei Schnee über bucklige Wege." Sonst wär's eine Silbe zu viel, und der Satz würde plump vom Pferd fallen.

Das ist, neben ihren Nachworten, die man als Einführungsbände jeweils auskoppeln könnte, so reich und fundiert sind sie, das also ist die größte Leistung an Edls Übertragungen: ihr Versuch, sich im Deutschen möglichst eng an das Original zu schmiegen. Was durch die so völlig andere deutsche Syntax nahezu unmöglich ist. In romanischen Sprachen endet der Satz meist auf einem zentralen Wort. "Im Deutschen gibt es schwerfällige Nebensätze, Hilfsverben klappern kreuz und quer durch den Satz, abgekoppelte Präfixe - ich denke so oft: Gott. Was mach ich bloß?" Das klingt nun, als müsse sie in jedem Satz dichtes Gestrüpp lichten. "Na ja", sagt sie, "andererseits ist ja das Deutsche viel flexibler als das Französische. Man kann mehr damit anstellen und die Sprache verbiegen." Bei dem Wort ,flexibler' knetet sie die Luft wie Fimo. Jedenfalls endet kein einziger ihrer Flaubert-Sätze mit einem dieser typisch deutschen Hilfsverbhaufen aus haben sind gewesen mussten.

Erst im Nachhinein, beim Abhören des Interviews, fällt auf, dass Edl im Gespräch über das konkrete Arbeiten enorm viele Sätze aus anderen Texten Flauberts zitiert, die "Bovary", die "Drei Erzählungen", die Briefe. In der "Éducation" selbst kommen wir im Gespräch kaum über den ersten Absatz hinaus. Was zum einen daran liegt, dass man eben jeden Satz bei Flaubert genau anschauen kann ("Ein guter Prosasatz", befand er, "muss unveränderlich sein wie ein guter Vers, ebenso rhythmisch und klangvoll.") Zum anderen ist ja schon der allererste Satz so spannend: "Le 15 septembre 1840, vers six heures du matin, la Ville-de-Montereau, près de partir, fumait à gros tourbillons devant le quai Saint-Bernard." Edl zitiert ihn auswendig und setzt dabei mit ihren Händen die einzelnen Elemente in die Luft wie unsichtbare, aber festgefügte Ziegelsteine: "Der beginnt mit dem genauen Datum und endet auf dem Ort. Der Satz ist eingefasst in zwei zentrale Informationen. Also hat man den Zwang, Anfang und Ende genauso klar zu setzen, alle anderen Elemente muss man dann in logischer und rhythmischer Abfolge dazwischen einlegen." Klingt wie Intarsienarbeit. Oder Sprachtetris. Handwerk jedenfalls. Sie sagt denn auch, sie habe Flauberts Alexandriner "nachgebaut". Zu Beginn der Arbeit an einem Satz stellt Edl oft Flauberts Schlusswort einfach auch im Deutschen ans Ende, macht einen Punkt dahinter, "und dann schau ich, wie ich den Rest irgendwie davor bekomme." Der Anfangssatz, in ihrer Übersetzung: "Am 15. September 1840, gegen sechs Uhr früh, kurz vorm Ablegen, paffte die Ville-de-Montereau dicke Wolken am Quai Saint-Bernard."

"Man merkt, Sprache hat verschiedene Nuancen und Geschmäcker."

Nun war Flaubert ja ein Berserker der Genauigkeit. Er nervte all seine Freunde, um immer noch kleinteiligere Informationen zu erhalten: Können Sie mir eine Speisekarte von 1848 aus genau diesem Restaurant besorgen? Er durchpflügte die Zeitungen in der Bibliothèque nationale aus den beschriebenen Jahren, wühlte sich durch "die ganze Karrenladung sozialistischer Schriftsteller", nur um im Roman dann ein paar abfällige Kommentare darüber fallen lassen zu können, und machte mehrere Reisen an alle Orte des Romans.

Natürlich versucht Edl, Flauberts Quellen selbst alle zu sichten, die damaligen Reiseführer etwa oder die zeitgenössischen Autoren. Aber fährt sie auch selbst an die Orte? "Im Fall der Éducation nicht. Weil alles so gut erschlossen ist." Als sie aber Stendhals "Kartause von Parma" übersetzte, hat sie am Ende der Arbeit den Text noch mal mit der Wirklichkeit abgeglichen. "Da bin ich den Comer See abgefahren, kreuz und quer, an jeden einzelnen Ort. Man weiß ja nie, der Hang hinterm Dorf, der Weg durch den Park, vielleicht wird einem da noch mal was klarer."

Stendhal hat übrigens diametral anders gearbeitet als Flaubert, er hat sich eingesperrt und "Die Kartause" in 53 Tagen runtergeschrieben. Teils mithilfe eines Schreibers, dem er stundenlang am Stück diktierte. "Dadurch ist die Sprache anders im Fluss, das hat einen gesprocheneren Rhythmus. Übersetzt sich aber ähnlich langsam und ist genauso widerständig."

Aber wie ist das, wenn man jahrelang mit diesem muffeligen Misanthropen Flaubert im Arbeitszimmer sitzt? Mit einem Mann, der in jedem seiner Werke der Prahlerei und tölpelhaften Selbstgefälligkeit seiner Zeitgenossen den Prozess macht? Sie wohnen auf Allgemeinplätzen und sind blind für die eigene Dummheit. Ist es nicht manchmal auch schwer, diese kalte Gemeinheit auszuhalten? "Flaubert war nicht gemein", erwidert sie. "Er war nur genau." In der "Madame Bovary" gebe es diese treue Dienstmagd, die auf der Landwirtschaftsschau für ihr lebenslanges Dienen ausgezeichnet werde. "Auf Lesungen hab ich Schwierigkeiten, das vorzutragen. ,Vor diesen Honoratioren standen 50 Jahre Knechtschaft.'' Ganz trocken, ohne alle sentimentalen Tricks. Und doch ergreifend."

Beim Arbeiten entwickelt sich "so was Bauchrednerisches, man liest das laut im Kopf." Danach liest Edl es sich selbst tatsächlich laut vor. Immer. Satz für Satz. "Muss man. Flaubert hat die Sachen zum Fenster rausgebrüllt." Lustige Vorstellung, diese distinguierte Frau mit dem schmalen Mund, die am offenen Fenster steht und Flauberts Sätze über die Schwabinger Dächer brüllt. Zuletzt liest sie es ihrem Mann vor, dem Hanser-Lektor Wolfgang Matz, mit dem sie seit Jahrzehnten auch gemeinsam übersetzt, die Lyrik von Philippe Jaccottet und Yves Bonnefoy, Simenon, Gracq ... Die beiden haben sich in Frankreich kennengelernt, an der Universität von Poitiers, beim Übersetzen von Simone Weils "Cahiers". "So kommt man zusammen aus Berlin und der Steiermark."

Manchmal ragen kehlige Laute aus Edls hochdeutsch-akkuratem Sprechen, wie kleine Findlinge im glatten Voralpenland. Edl ist südlich von Graz aufgewachsen. Ihre Eltern, Donauschwaben aus der Vojvodina im heutigen Serbien, kamen nach dem Krieg in die Steiermark, wodurch Edl von Anfang an in verschiedenen Sprachmelodien zu Hause war. "Steiermärkisch und leicht antiquiertes Schwäbisch, das schärft das Gehör. Man merkt, Sprache hat verschiedene Nuancen und Geschmäcker."

Die Arbeit an Flaubert war im Juni dann endlich abgeschlossen. Seither hat sie einen Modiano übersetzt und sitzt momentan, gemeinsam mit ihrem Mann, an einem Roman von Simenon. "Boah, der ist so wahnsinnig gut.", folgt ein kleines Referat über Simenons Einflüsse auf Modiano, von dessen Texten sie spricht wie von einem guten Freund. "Bei Modiano stöhnen einige Kritiker, jetzt erzählt der schon wieder dieselbe Geschichte. Bei mir ist es der gegenteilige Effekt, ach da ist ja wieder der kleine Hund." Sie lächelt, als laufe ein unsichtbarer kleiner Hund durch ihr schönes Zimmer.

© SZ vom 29.10.2020/cag
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