Süddeutsche Zeitung

Andy-Warhol-Musical:Einfach nur lieb haben

Lesezeit: 3 min

Gus Van Sants komplett unkritisches Andy-Warhol-Musical "Trouble" auf Kampnagel in Hamburg ist eine Eleven-Schau mit einer Menge Bad Acting.

Von Till Briegleb

Ist es Altersmilde, Sentimentalität, Fantum oder Naivität, wenn ein vielfach ausgezeichneter Filmregisseur wie Gus Van Sant ein Theaterstück über einen berühmten Künstler inszeniert, das ein reiner Lobgesang ist? Andy Warhol, den sich der mittlerweile 70-jährige Van Sant für seine erste Bühnenregie ausgesucht hat, klettert in "Trouble" eine goldene Himmelsleiter vom New Yorker Ankömmling zum Superstar empor, ohne einen irritierenden Konflikt. Die Deutschlandpremiere der europäischen Ko-Produktion beim Internationalen Sommertheater auf Kampnagel in Hamburg ließ vor allem Filmkenner ratlos zurück, die den amerikanischen Regisseur wegen seiner Stress-Biografien aus dem Jugend- und Gewaltmilieu der unteren Mittelschicht der USA schätzen wie "My Private Idaho" oder "Good Will Hunting" oder wegen des Oscar-prämierten Porträts des Schwulen-Aktivisten Harvey Milk mit Sean Penn.

Was ist zu sehen in diesem Panegyrikus auf einen Künstler, der die Affirmation der Konsumwelt als Kunstform erfand? Die Affirmation des Künstlers als Kunstfigur. Und zwar in Form eines Musicals. Gus Van Sant hat "Trouble" auf Anregung von John Romão entwickelt, der für seine Biennial of Contemporary Arts in Lissabon gerne kreative Berühmtheiten animiert, ihre künstlerischen Gewohnheiten zu wechseln. Und deswegen arbeitete der Regisseur von Stars wie Matt Damon, Keanu Reeves oder Ben Affleck, die in seinen Filmen junge Problemtypen spielen, hier mit jungen Menschen, die erst Stars werden wollen. Und er entwickelte einen Stoff, in dem es nicht um Probleme, sondern um Glamour geht. Und wo die perfekte Szenografie des Kinos ersetzt ist durch ein paar Fototapeten, wie sie Musicalstudenten für ihre Abschlussarbeit verwenden würden.

Die berühmtesten Figuren des Epochenwandels werden zu aufgedrehten Imponiergestalten

Die neun jungen Portugiesen um die Zwanzig, die Romão und Van Sant für die Uraufführung in Lissabon gecastet haben, spielen im fliegenden Wechsel Dutzende Protagonisten der Pop-Ära in New York mit viel Enthusiasmus, der ihre fehlende Lebenserfahrung ersetzen muss. Und so sind die berühmtesten Figuren des Epochenwandels in der Kunst der späten 1950er-Jahre, als Pop begann, den abstrakten Expressionismus im Zeitgeist abzulösen, hier vor allem aufgedrehte Imponiergestalten, die Warhols Aufstieg zu Weltruhm spielen, als sei es die "West Side Story".

Der berühmte Kritiker Clement Greenberg prügelt sich mit Warhol, weil er nicht in der Expressionismus-Gang mitspielt. Der wichtige Galerist Leo Castelli zeigt die Händlerqualitäten eines charmanten Straßendealers. Der Maler Jasper Johns ist ein eitler Gockel, der jede Geste übertreibt, genauso wie Truman Capote, der als Klischee einer bunten Tunte auftritt. Und auch die zugelassenen wie ignorierten Akteure in Warhols Factory, von Edie Sedgwick bis Valerie Solanas - welche Warhol hier in einer Wildwest-Szene jagt und anschießt - sind stark naive Vorstellungen von Kunstwelt.

Es ist wie in einer Schulaufführung vor Eltern

Warhol selbst ist so rundum nett und zuversichtlich, als sei er der Erzengel Popart gewesen, und nicht ein Mensch mit zahllosen Komplexen und Neurosen sowie begleitet von dramatischen Verzweiflungstaten in seiner Factory durch Menschen, die in seinem Erfolgslicht und unter Zutaten vielfältiger Drogen die Kontrolle über ihr Leben verloren. Dieser Kitsch-Andy gewinnt natürlich gerade wegen der Unfertigkeit seines Ausdrucks die Sympathien des Publikums. Es ist wie in einer Schulaufführung vor Eltern oder beim Seminar-Projekt einer Schauspielschule: Für eine Eleven-Schau ist dieser 90-minütige Abend eine große Leistung, als seriöses Projekt eines weltberühmten Regisseurs aber zeigt die Show vor allem eine Menge Bad Acting und geschönte Geschichte.

Gus Van Sant hat zu der fröhlichen Oberflächlichkeit dieses jugendlichen Kunst-für-Kinder-Musicals auch Text und Musik geschrieben, hübsche Lieder, die mit poppigen Melodien unterstreichen, wie er sich wünscht, man möge Andy Warhol einfach nur lieb haben. Und deswegen verwundert es vielleicht am meisten, warum das Stück "Trouble" heißt. Die Antwort ist: Es sollte ursprünglich "Andy" heißen, aber die Warhol Foundation hatte etwas dagegen. Wegen dieses Ärgers heißt die musikalische Pseudo-Biografie des Andrew Warhola jetzt nach etwas, was die Inszenierung als Stoff komplett vermissen lässt.

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