Günter Netzer Der Scharfrichter hört auf

Das Traumpaar des Fußball-Fernsehens wird getrennt. Experte Günter Netzer verlässt die ARD, und Moderator Gerhard Delling bleibt allein zurück.

Als "Reich-Ranicki der deutschen Fußballkritiker" ist er bezeichnet, zum "Scharfrichter des deutschen Fußballs" und auch "Chefideologen" ernannt worden - als TV-Kritiker in der ARD heimste Günter Netzer ebenso viele Lorbeeren ein wie als Nationalspieler oder Manager beim Hamburger SV. Doch Fußball-Fans werden bald auf die berühmten Wortgefechte zwischen Netzer (65) und Moderator Gerhard Delling (50) verzichten müssen: Die Programmdirektion bestätigte am Mittwoch in München Medienberichte, wonach der frühere Bundesliga- und Nationalspieler sein Engagement für den Sender nach der Fußball-WM 2010 in Südafrika beenden werde.

Günter Netzer - Stationen einer Karriere

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"Wir mussten die Entscheidung Netzers, unsere lange und erfolgreiche Zusammenarbeit zu beenden, schweren Herzens akzeptieren", sagte ARD-Programmdirektor Volker Herres zur Süddeutschen Zeitung. Berichte, nach denen Mehmet Scholl Netzers Nachfolge antreten soll, bestätigte der Sender jedoch nicht. Einen würdigen Ersatz für Netzer zu finden, wird wohl nicht einfach werden. Denn Experte Netzer und Moderator Gerhard Delling gelten als Traumpaar des Fußball-Fernsehens.

Seit 1998 analysiert das Duo in der ARD die Auftritte der deutschen Nationalmannschaft. Dass das Gespann Netzer-Delling so populär werden würde, hätte Netzer nie für möglich gehalten, wie er in einem Interview bekannte. Gerade in der Anfangszeit habe das Fernsehen für ihn "etwas Unheimliches" gehabt. "Ich konnte dort sprechen, wie ich sonst spreche, wirkte aber wie ein spröder, unlustiger Mensch", sagte er dem Spiegel. Vor der Kamera wird dem 65-Jährigen auch gerne die "Miene einer Marmorbüste" bescheinigt.

Mit der Zeit erreichten Netzers spröde Kommentare und die Rededuelle mit seinem Siezfreund Delling jedoch Kultstatus. Im Jahr 2000 wurden die beiden mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet, im vergangenen Jahr reihte sich der "Medienpreis für Sprachkultur" in Netzers Trophäensammlung ein. Der Laudator lobte bei der Preisverleihung die "gekonnten diskursiven Sequenzen" von Netzer und Delling ebenso wie ihr "geschliffenes Deutsch", den "gelungenen Sprachwitz" oder ihre "feine Polemik". Letztere provozierte im September 2003 nach der Kritik am 0:0 der deutschen Mannschaft gegen Island die legendäre Wut-Rede des Ex-Teamchefs Rudi Völler.

Damals hatte der Bundestrainer Netzer als "Standfußballer" bezeichnet und ihm empfohlen, Gottschalk als "Wetten, dass..?"-Moderator abzulösen, wenn er Unterhaltung machen wolle. Doch den Kritiker focht die Kritik nicht an. Als TV-Kommentator hält sich Netzer zu Gute, den Fußball realistisch zu betrachten und auch unangenehme Dinge anzusprechen. "Ich setze mich Tag für Tag kritisch auseinander und opponiere auch", sagte Netzer, der in der Schweiz die Sportrechte-Agentur Infront führt. "Ich habe immer gemacht, was ich wollte und damit meinen Frieden gefunden".