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Deutsche Literatur:Die Stasi kennt Montaigne nicht

Günter Kunert, 2004

Der Roman, den Günter Kunert in der DDR schrieb, hatte keine Chance auf Veröffentlichung. Das wusste er und ließ ihn in der Schublade.

(Foto: Brigitte Friedrich/SZ Photo)

An diesem Mittwoch wird Günter Kunert neunzig - erst jetzt erscheint sein DDR-Roman "Die zweite Frau"

Die Entstehungsgeschichte dieses Buches klingt aufsehenerregend. Der wichtige DDR-Schriftsteller Günter Kunert, der mit seinen zwischen absurder Komik und Melancholie angesiedelten Texten von den offiziellen Stellen immer sehr beargwöhnt wurde, schrieb zwischen 1974 und 1975 einen Roman. Das hatte er vorher eher selten gemacht, er erregte vor allem als Lyriker und Verfasser von skurril-abgründiger Kurzprosa Aufsehen, und als er den Roman fertiggestellt hatte, wurde ihm bewusst: das Manuskript konnte in der DDR keinesfalls veröffentlicht werden.

Zeitgeschichtlich geriet Kunert dann in eine stürmische, chaotische Phase. Im November 1976 folgte die Ausbürgerung des Sängers Wolf Biermann, er gehörte zu den ersten, die den Protest dagegen unterzeichneten, und 1979 war es so weit, dass auch er in den Westen übersiedelte. Nun lebt er schon seit Jahrzehnten in Schleswig-Holstein, in der Nähe von Itzehoe, an diesem Mittwoch wird er 90 Jahre alt. Den unveröffentlichten Roman hat er irgendwann vergessen, erst vor Kurzem hat er das Manuskript in einer Ablage entdeckt - und so fand es seinen Weg in die Literaturgeschichte. So lautet jedenfalls die offizielle Lesart.

Man merkt dem Text sofort an, dass der Autor hier etwas loswerden musste. Er fängt sehr vielversprechend an, mit magisch-rätselhaften Bildern, die modern-kubistisch anmuten und durch suggestive Straßenbilder plötzlich London evozieren, als Stadt einer unerreichbaren Sehnsucht. Doch plötzlich erweist sich das Ganze als ein Traum und Albtraum. Der Protagonist namens Barthold befindet sich in einem Luftschutzkeller und wird mit dem leibhaftigen Walter Ulbricht konfrontiert, dem Übervater der DDR, es kommt zu karikierenden und kalauernden DDR-Witzen, und es ist klar: nie und nimmer konnte das mit dem Vorsatz geschrieben werden, es wirklich einem DDR-Verlag zur Veröffentlichung anzubieten.

Hier spricht ein Autor Klartext, hier schreibt einer sich etwas von der Seele, hier wird, um den Roman auch sprachlich zu charakterisieren, die Sau rausgelassen. Und zwar mehrfach. Barthold findet nämlich nicht nur die sozialistische Gesellschaft, in der er lebt, unerträglich, sondern auch seine Ehefrau.

Barthold ist eindeutig eine satirische Figur, und er ist Teil einer durch und durch satirisch angelegten Konstellation. Das entscheidende Motiv der Handlung hat denn auch etwas Brachial-Schmissiges. Barthold ist Archäologe, und schon mit diesem Berufsbild in der DDR als ein Subversiver gekennzeichnet. Auf seinem Nachttisch hat er zudem den 400 Jahre alten französischen Philosophen und glänzenden Essayisten Michel de Montaigne liegen.

In derlei vertrackten, zutiefst wissenden Satzperioden liegt auch eine große Verzweiflung

Einmal gelingt es ihm, durch die tatkräftige Hilfe einer genretypisch ausstaffierten Sekretärin an Westgeld heranzukommen und in einem Intershop einzukaufen, jenem die DDR so kabarettreif definierenden, grausig-komischen Einkaufsladen. Und weil die Situation so absurd ist, zitiert Barthold in diesem Konsumtempel einschlägige Sätze von Montaigne und entlarvt die Szenerie so als eine einzige Farce. Prompt sucht ihn kurz danach ein Mann der Stasi auf und wirft ihm verbotene Westkontakte vor, mit jemandem namens "Mohnteine".

Weil seine Frau wegen einer von ihm versteckten Ansichtskarte einer gewissen Elfi glühend eifersüchtig ist, überstürzen und überkreuzen sich dann die Ereignisse, eine aufs harte und krude DDR-Niveau getrimmte Screwball-Comedy. Auf einen großen Klotz gehört ein grober Keil, und das hatte im Schreibprozess offensichtlich etwas Befreiendes.

Dass Kunert nicht daran dachte, dieses Manuskript nach 1979 im Westen zu veröffentlichen, liegt auf der Hand. Zu DDR-spezifisch ist die Anlage, sind die Pointen und der Problemdruck, zu wenig literarisch die Sprache und die Form. Das Tragikomische wird mit allen Mitteln forciert, auch mit Anleihen an Heinz Erhardt oder Ephraim Kishon, von den das Spießertum entlarvenden plumpen Sexualfantasien ganz zu schweigen.

Oft wird es auch philosophisch: "Barthold glaubte nicht an ein höheres Wesen oder an sich selber als höheres Wesen, von dem der bessere Teil nach dem Zerfall des irdischen irgendwohin umzöge, um selig bis in alle Ewigkeit auf einer Wolke herumzusitzen. Aber in seinem Leben, arm an Epiphanien, durchrationalisiert, festgelegt bis zum Exitus, bewegte ihn jede spirituelle Abweichung dermaßen, dass er noch in Erinnerung an sie in Tränen hätte ausbrechen mögen, umso mehr, als diese späte durch die Anwesenheit der Amtsperson verdorben und unrein war."

Günter Kunert 
Die zweite Frau

Günter Kunert: Die zweite Frau. Roman. Wallstein-Verlag, Göttingen 2019. 200 Seiten, 20 Euro.

In derlei vertrackten, zutiefst wissenden, sich ins Komische rettenden Satzperioden liegt auch eine große Verzweiflung, von daher ist der Text auf eine aufschlussreiche Art authentisch.

Viele DDR-Witze und Anspielungen wirken im Abstand zeitgebunden und schal, vermitteln aber zugleich auf eindringliche Weise eine provinziell-dumpfe Atmosphäre, eine Art Straflager-Mentalität. Wenn dieser Text 1975 in der DDR bekanntgeworden wäre, hätte er bestimmt oft ein begeistertes Schenkelklopfen bewirkt, so wenn im Fernsehen ständig dramatische Werke "von Shakespeare und Kleist bis Eberhard Pampig und Bandito Klomatzki" laufen - im Klartext also von DDR-Größen wie Eberhard Panitz und Benito Wogatzki. Aber diese Wirkung war von vornherein auf ein Publikum bezogen, das für Kunert beim Schreiben dieses Textes nur imaginär vorhanden sein konnte und das heute nur noch als archäologische Größe vorstellbar ist.

"Vorsicht und Literatur vertragen sich nicht", heißt es einmal gegen Ende - ein Stoßseufzer angesichts der Zwänge, denen sich ein DDR-Schriftsteller ausgesetzt sah. Deswegen musste Kunert einmal ordentlich zulangen. Es ist für alle Beteiligten gut, dass diese Zeit vorbei ist. Und wir können nun dem Autor nicht nur zum neunzigsten Geburtstag, sondern auch zu diesem Fund im eigenen Archiv gratulieren.

© SZ vom 06.03.2019
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