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Günter Grass' SS-Beichte:Und nun zurück zu den Fakten

Grass war also bei der Waffen-SS. Grass kann sich nicht erinnern, dass den Sechzehnjährigen irgendein ¸¸Schreck oder gar Entsetzen" bei seiner Einberufung erfasst hätten. ¸¸Eher werde ich die Waffen-SS als Eliteeinheit gesehen haben, die jeweils zum Einsatz kam, wenn ein Fronteinbruch abgeriegelt, ein Kessel wie der von Demjansk, aufgesprengt oder Charkow zurückerobert werden musste. Die doppelte Rune am Uniformkragen war mir nicht anstößig." Wie wenig der junge Grass sich über den Horror, aber auch den Hass im Klaren war, den die Uniform dieser Einheiten verbreitete, zeigt eine spätere Episode: Grass war hinter die Linien der Russen geraten und traf im Wald einen Obergefreiten der Wehrmacht, dem es ebenso ergangen war und der ihn unter seine Fittiche nahm. Dieser erfahrene Soldat veranlasste Grass bei erster Gelegenheit, seine Uniformjacke gegen eine normale Wehrmachtsjacke zu tauschen, denn als Waffen-SS-Mitglied wäre er bei Gefangennahme auf der Stelle erschossen worden.

Etwa ein Jahr vor seiner Einberufung hatte Grass im Alter von fünfzehn den Versuch unternommen, U-Boot-Kämpfer zu werden - ohne Erfolg, er war zu jung. Ob seine spätere Einberufung zur Waffen-SS mit diesem vorzeitigen soldatischen Eifer zusammenhing, wird man wohl kaum noch nachprüfen können - wie dem Auge eines Historikers überhaupt die Verschwommenheit vieler Angaben und Erinnerungen von Grass schmerzlich auffällt; eine Undeutlichkeit, die dieser nicht beschönigt, sondern sogar zum Erzählprinzip erhebt. Gleichwohl muss diese eingestandene Lückenhaftigkeit seines Rückblicks, der bei aller präzisen Schilderung seiner Soldatenerlebnisse im Chaos der letzten Kriegswochen durchsetzt ist von blinden Flecken - Grass spricht selbst von ¸¸Filmrissen" - zur Vorsicht mahnen: die vollständige Wahrheit kennen wir nicht. Den nacharbeitenden Zeithistorikern, die sich des Falles jetzt fraglos annehmen werden, bleibt hier noch viel zu tun.

Sie werden dann auch wiederholen müssen, was bereits in der Debatte um den von Helmut Kohl inszenierten Besuch des amerikanischen Präsidenten Reagan auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg vor zwanzig Jahren festgestellt wurde: Am Ende des Krieges hatte die Waffen-SS den Charakter einer besonderen Parteitruppe weitgehend verloren. Manche Wehrmachtseinheiten wurden geschlossen der Waffen-SS eingegliedert. Junge Wehrpflichtige wie Grass wurden - ohne ihr Zutun - zu dieser Truppe einberufen. Ein paar Zahlen verdeutlichen die Massen, um die es dabei geht: Während die Gesamtzahl der Soldaten des Großdeutschen Reiches von 1943 bis 1945 von 9,4 auf 7,8 Millionen sank, erhöhte sich die Zahl der Mitglieder der Waffen-SS im selben Zeitraum von 450 000 auf am Ende 830 000. Im Frühjahr 1945 waren also mehr als zehn Prozent der deutschen Soldaten Mitglieder der Waffen-SS.

Noch immer verbreiteten sie gewaltigen Schrecken, auch bei der deutschen Zivilbevölkerung, die vielfach sinnlose Endkämpfe fürchtete. In Bayern, wo die Landbevölkerung sich den Amerikanern fast überall am liebsten wehrlos ergeben hätte, verschanzten sich suizidal gestimmte jugendliche Waffen-SS-Soldaten in Schulen und Krankenhäusern. Die oft erst halbwüchsigen Soldaten blieben nicht selten fanatische Anhänger des Regimes, das sie erzogen und abgerichtet hatte. Die grauenhaften Hinrichtungen von Deserteuren und ¸¸Defätisten" gingen häufig auf das Konto von schwarzuniformierten Jugendlichen, die überlebenswillige Familienväter zur Abschreckung am Wegrand aufknüpften.

Damit ist der Punkt an Grass" Geständnis berührt, der keine Neuigkeit darstellt: seine eigene Überzeugung bei Kriegsende. Dass Grass bis zur Kapitulation an den ¸¸Endsieg" geglaubt habe, dass ihm noch nach Monaten die deutschen Massenverbrechen als alliierte Propaganda galten, dass erst das Eingeständnis des HJ-Chefs Baldur von Schirach vor dem Nürnberger Tribunal ihn davon überzeugte, ¸¸Deutsche könnten so etwas getan haben" - all das hatte Grass hier und da bereits bezeugt und mit hinreichender Deutlichkeit dargestellt.

Die materielle Schuld des jungen Grass minimiert sich bei Betrachtung der von ihm mitgeteilten Tatsachen auf nahezu null. Er hat sich nicht gezielt bei der Waffen-SS gemeldet, und seine Geistesverfassung war die eines mäßig intelligenten, eher bornierten Pimpfes. Sein soldatischer Einsatz beschränkte sich auf Davonlaufen und Verwundetwerden; keinen Schuss, sagt er, habe er abgegeben. Trotzdem ist Grass seine Enthüllung schwergefallen. Wie schwer, das zeigt vielleicht am deutlichsten der Umstand, dass keiner seiner Biografen, mit denen er teilweise tagelang geredet hat, davon erfuhr; nicht zuletzt diese, ja durchweg wohlwollenden Erzähler seines Lebens müssen sich jetzt düpiert fühlen.

Freilich musste es, je länger Grass hinter dem Berg hielt, desto schwerer werden, auf das bedenkliche Faktum zu sprechen zu kommen; der ¸¸Makel" von dem Grass jetzt spricht, steigerte sich auch durch langes Verstecken. Zu Recht wird jetzt gefragt, warum Grass nicht spätestens beim Streit um Bitburg sein Schweigen gebrochen hat. Damals wäre doch eine ausführliche Erinnerung an die Art, wie man als siebzehnjähriger Soldat der Waffen-SS werden konnte, hilfreich gewesen. Wäre die Granate, die dem Grass beschützenden Obergefreiten am 20. April 1945 die Beine abriss, einen halben Meter näher eingeschlagen, dann hätte auch er auf einem solchen Friedhof liegen können. Allerdings hätte ein solcher Beitrag zur historischen Kenntnis seinerzeit die eindeutigen moralischen Fronten auflösen müssen; und genau das war wohl in der Mitte der achtziger Jahre noch nicht erwünscht, auf Kosten der Vollständigkeit des Bildes.

Was immer die Motive von Grass" langem Schweigen gewesen sein mögen - fraglos Scham, vielleicht aber doch auch die Unlust, als öffentliche Person allzu früh in eine moralische Grauzone zu geraten -, der Stachel dürfte auch sein Produktives gehabt haben. ¸¸Ach, wie leicht sind mir zu Beginn der sechziger Jahre die Wörter von der Hand gegangen", schreibt Grass jetzt, ¸¸als ich bedenkenlos genug war, Fakten Lügen zu strafen und mir auf alles, was widersinnig sein wollte, einen Reim zu machen." Bedenkenlos aber war nicht selten vor allem Grass" Neigung zum scharfen moralischen Urteil. Noch jetzt, bei seinem ¸¸Geständnis" zeigt er sich tief angewidert vom Mief der Adenauerzeit - und bekundet doch im selben Moment, dass er genau an diesem Mief durch sein Verschweigen Anteil hatte. Und ist nicht der enorme inszenatorische Aufwand, mit dem Grass jetzt die Öffentlichkeit ins Bild setzt, ein letzter Versuch, den Makel moralisch abzufangen und die Eindeutigkeit zu retten? Es bleibt, angesichts von Umständen, die eher Torheit als Schuld erkennen lassen, ein Nachgeschmack von Eitelkeit.

Die Generation der in den späten zwanziger Jahren geborenen letzten Kriegsteilnehmer war noch im Abgrund, aber nicht so tief, dass sie sich nicht daraus hätte befreien können. Das mag die enorme Produktivität dieser Generation - ein Wald von großen Männern, die die Geschichte der Bundesrepublik bis heute prägen - erklären. Eher konservative Vertreter, die aus entschieden nazifernen Milieus stammen wie Joachim Fest, Kurt Flasch oder jener Joseph Ratzinger, dem Grass im Kriegsgefangenenlager von Aibling begegnet sein will, haben nie die Neigung zur moralischen Verdammung gezeigt wie andere, die eine stärkere persönliche Verstrickung abzuarbeiten hatten. Dabei geht es kaum um Schuld, vielmehr um fast noch kindliche Schicksale, bei denen das Meiste am Herkunftsmilieu hing.

Das weitaus Schönste an Grass" Autobiografie sind zarte, liebevolle Porträts seiner Eltern, der warmherzigen Mutter und des schwachen Vaters, den Grass nicht mochte. Man riecht förmlich die erstickende Luft solcher kleinbürgerlichen Familienverhältnisse - und begreift etwas von der Faszination, die von den antibürgerlichen Appellen in ¸¸Hitlers Volksstaat" (Götz Aly) ausging.

Was hat Grass verführt? Nicht die Zeitung, sagt er, denn die Eltern in Danzig hielten sich nicht den strammen Vorposten, sondern die sachlich betulichen Neuesten Nachrichten - ¸¸vielmehr ist es die Wochenschau gewesen, die mich mit schwarzweiß geschönten Wahrheiten bediente, an die ich zweifelsfrei glaubte". Wenn man dem Wortführer Grass etwas vorhalten kann, dann ist es diese viel zu lange kompromisslose Abwehr des Zweifels. Und eben darum muss man die öffentliche Person, den weltanschaulichen und politischen Kommentator Grass von dem Dichter und seinem Werk unterscheiden: Wie so oft, ist das Werk hier deutlich klüger als die öffentliche Stimme des Autors. Die Zweifel, die moralischen Grautöne, die ethischen Unentscheidbarkeiten prägen Grass" literarische Substanz ebenso, wie sie seine Neigung zum politischen Schwarzweiß häufig vermissen lässt.

© Süddeutsche Zeitung vom 14. August 2006
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