Günter Grass: "Die Box" Die Zustimmungsmaschine

Im letzten Buch war seine SS-Vergangenheit Thema, jetzt versteckt Günter Grass autobiographische Hinweise auf seine Familie: Die "Box" und das Prinzip des Kuddelmuddels.

Von L. Müller

Zur Welt der Märchen gehören Tische, die sich selber decken, und Stöcke, die zu tanzen beginnen. Darüber reibt sich mancher die Augen und denkt, es gehe hier nicht mit rechten Dingen zu. Geht es aber.

Keine Lust auf Autobiographie im herkömmlichen Sinn: Günter Grass verweigert sich.

(Foto: Foto: dpa)

Denn die Dinge handeln im Märchen, auch wenn sie Kapriolen schlagen, nach dessen Gesetz. Nie gerät durch sie die Welt unheilbar aus den Fugen. Den Figuren mögen sie übel mitspielen, einem aber kommen ihre Verwandlungskünste verlässlich zupass: dem Erzähler.

Der Schriftsteller Günter Grass ist seit je mit den Märchen im Bunde, ob er von Kartoffelfeldern bei Danzig erzählt oder vom Fischer und seiner Frau. Sein neues Buch beginnt so: "Es war einmal ein Vater, der rief, weil alt geworden, seine Söhne und Töchter zusammen - vier, fünf, sechs, acht an der Zahl -, bis sie sich nach längerem Zögern seinem Wunsch fügten.

Um einen Tisch sitzen sie nun und beginnen sogleich zu plaudern, jeder für sich, alle durcheinander, zwar ausgedacht vom Vater und nach seinen Worten, doch eigensinnig und ohne ihn, bei aller Liebe, schonen zu wollen."

Das Buch heißt "Die Box. Dunkelkammergeschichten" (Steidl Verlag, Göttingen 2008. 217 Seiten, 10 Abb., 18,- Euro). Die Box ist immer dabei, wenn die Kinder über ihren Vater plaudern. Es ist eine Kastenkamera der Firma Agfa, die Anfang der dreißiger Jahre auf den Markt gekommen war. Ihre Besitzerin stammt aus Masuren, heißt "Mariechen" und erzählt - oder besser: jemand erzählt nach ihrem Tod, was sie einst erzählte - gleich auf den ersten Seiten, wie sie und ihr Mann, der Fotograf Hans, in Berlin ausgebombt wurden und vom Fotoatelier nichts übrigblieb: "Das ganze Archiv verschmurgelt. Die Lampen nur noch Schrott. Nur die Box blieb übrig, weiß nicht, warum."

Günter Grass hat seinem Buch eine Widmung vorangestellt: "In Erinnerung an Maria Rama". Und so könnte es scheinen, als wäre die Box, die er auf den Umschlag seines Buches gezeichnet hat und die ihm den Titel gibt, die Kamera der Fotografin Maria Rama (1911 bis 1997), die über Jahrzehnte hinweg das Leben des Autors und seiner Familie begleitete, deren Fotografien in jeder Grass-Biographie zu finden sind. Aber wie die Fotografin als himmelfahrendes "Mariechen" in dieses Buch eingeht, so ist darin auch ihre Kamera von Beginn an zur Märchenfigur verwandelt, zur "Zauberbox", zur "Wünschdirwasbox".

Der Wunsch, der Zeitgeschichte zu entkommen

Über dieses Wunderding verfügt längst nicht mehr Maria Rama, sondern nur noch der Erzähler, der Familienvater. Er legt seinen Geschöpfen in den Mund, was Mariechen über ihre Kamera sagt (und er selbst über sein Erzählen sagen könnte): "Meine Box macht Bilder, die gibts nicht. Und Sachen sieht die, die vorher nicht da waren. Oder zeigt Dinge, die möchten euch nicht im Traum einfallen. Ist allsichtig, meine Box. muß ihr beim Brand passiert sein. Spielt verrückt seitdem."

Man kann das auch so sagen: Diese Kamera ist von den Bombennächten und Feuerstürmen der Geschichte versengt. Aber sie ist nicht dafür geeignet, Dokumentaraufnahmen zu machen. Was sie zeigt, wirkt "wie aus alten Bilderbüchern gesprungen". Sie ist mit dem Epischen im Bunde, nicht mit dem Historischen, mit dem Flunkern und Schwindeln, nicht mit dem Zeugnisablegen, dem Rechenschaftgeben. Kurz, sie verdankt ihre Zauberkräfte der Hitze der Zeitgeschichte. Aber der Wunsch, dem sie helfen soll, ist: der Zeitgeschichte zu entkommen.

Als Günter Grass im Sommer 2006 sein Buch "Beim Häuten der Zwiebel" veröffentlichte, war bald nur noch von einem die Rede: von seiner lange verschwiegenen Mitgliedschaft in der Waffen-SS. In der Debatte über das Buch spielten die Zeithistoriker eine Schlüsselrolle. Wie wahrscheinlich war seine Version des Eintritts in die Organisation? Wo genau befand sich die Division Frundsberg in den letzten Kriegsmonaten, was weiß man über ihre Bewegungen?Vor allem aber: Wie verhielt sich diese Waffen-SS-Episode zur Lebensgeschichte des erwachsenen Autors Günter Grass in der Bundesrepublik?

Autobiographische Form geschickt verpackt

Zur wachsenden Verbitterung, mit der Grass damals die Debatte verfolgte, trug ein Umstand offenkundig bei. Er hatte literarische Gründe für sein langes Schweigen über die SS-Episode geltend gemacht und von seiner Skepsis gegenüber der Form der Autobiographie gesprochen. Aber darauf ging kaum jemand ein. Er hatte geglaubt, im Zitat des barocken "Simplicius Simplicissimus", im Märchenton und im Anklingenlassen von "Hänschen klein, ging allein ..." einen Weg gefunden zu haben, den eigenen Lebensstoff so zu verwandeln, dass der jugendliche Soldat, von dessen Verirrungen er als Ich-Erzähler kopfschüttelnd berichtete, an die Seite seiner epischen Geschöpfe rückte.

Und nun wurde er behandelt, als hätte er doch dem alten Pakt von Autobiographie und Bekenntnis Tribut gezollt, den "Confessiones" des Augustinus, den "Confessions" von Rousseau. Er scheute vor diesem Modell zurück wie der Teufel vor dem Weihwasser, und was machten die "Zeitungsfritzen"? Sie sprachen von seinem "Geständnis" und setzten ihn auf die Anklagebank. Und weil er eine Figur der Zeitgeschichte ist, saß Grass vor allem als Figur der Zeitgeschichte auf der Bank, dem mit belegbaren Fakten und mit Dokumenten der Prozess gemacht wurde: als Kritiker historischer Schuld, der es versäumt hatte, sich selbst zu kritisieren.

Entschlossener noch als in dem Buch "Beim Häuten der Zwiebel" hüllt Grass nun in "Die Box" den autobiographischen Stoff in eine Form, die ihn der historisch-faktischen Kritik entzieht. Keinen Rivalen gibt es hier für den herbeizitierten Märchenton, keinen Rivalen für die Vaterstimme, in die alle Kinderstimmen münden: "Weil aber unser Väterchen keine Ruhe fand, lief er seiner Neuen davon, worauf er nicht wußte, wohin mit seinem angefangenen Buch ..." "Worauf ihm beim Suchen noch eine Frau ein Mädchen schenkte ...".

Grass wurde berühmt als Figur der Kritik

Pat und Jorsch, Lara und Taddel, Jasper und Paul, Lena und Nana - sie sind schon nach wenigen Seiten versammelt, und wer will, mag diese Kinderschar und ihre vier Mütter mittels der einschlägigen Grass-Biographien mit der realen "zusammengestückten Familie" des Autors vergleichen und die Klarnamen herausfinden. Oder die Wohnorte herausfinden, an denen sich die Kinder kapitelweise versammeln. Oder er mag sich fragen, was die realen (erwachsenen) Kinder von der Kindersprache halten, die ihnen hier in den Mund gelegt ist. Aber all das wäre ein sehr müßiges Spiel.

Denn es mag hier zwischen Wewelsfleth und der Niedstraße in Berlin-Friedenau noch so sehr von wiedererkennbaren Personen und Realien wimmeln - das literarische Projekt dieser Box wird davon nicht berührt: Es zielt drauf ab, die empirische Familie, der es seinen Stoff verdankt, in eine reine Märchenfamilie zu verwandeln. Was immer aber in Märchenfamilien geschieht, führt am Ende zum Einverständnis mit der erzählten Geschichte.

Dieses Einverständnis mit dem Dargestellten ist das Prinzip, das Günter Grass in seinen beiden letzten Büchern dem Prinzip der Autobiographie entgegenstellt. Weder an die bohrende Unruhe der rousseauistischen Selbstbefragung noch an die wechselseitige Durchdringung von Dichtung und Wahrheit, historischem und poetischem Ich macht er Zugeständnisse. Die Zauberbox ist eine Zustimmungsmaschine. Das fällt auch deshalb auf, weil ihr Stoff, die kleinbürgerliche Familie, in der modernen Literatur nicht minder mit den Katastrophen, dem Unglück und den Verletzungen im Bunde ist als das dunkle Zentrum der Zeitgeschichte, der Krieg. Und es fällt auf, weil der politische Autor Grass als Figur der Kritik, des Nicht-Einverständnisses berühmt geworden ist.

Mit Anspielungen auf seine Bücher gespickt

Zu Unrecht wird der Erzähler Grass meist unbesehen dieser Figur der zeithistorischen Opposition und Kritik an die Seite gestellt. Hier jedenfalls, in "Die Box" erreicht der Erzähler den Zenith der Zustimmung zur Welt und sich selbst. Aus der Entwicklerflüssigkeit seiner Agfa-Box ist alles Ätzende getilgt. Dem heimlichen Zentrum der Analogie von Fotografie und Erinnerung in der modernen Literatur, etwa bei Marcel Proust, steht er ganz fern. Dort hatte sich in die Spanne zwischen Belichtung und Entwicklung einer Fotografie etwas Geheimnisvolles, Unverfügbares eingenistet. Und die wichtigsten Erfahrungen waren in der mémoire involontaire, der unverfügbaren Erinnerung aufbewahrt. Bei Grass ist die Agfa-Box das Instrument nicht nur des Patriarchen der Familie, sondern zugleich des Herrschers über das Familienalbum.

In diesem Familienbuch saugt der freundliche Begriff "Kuddelmuddel" alle scheiternden Ehen, alles Ungemach und alles Ungemach zeitweilig verleugneter Kinder an ihrem Verleugnetwerden auf. Der Wahlkämpfer Günter Grass geistert als "Walkämpfer" durch die Phantasien seiner Kinder, deren Stimmen, vom Vater komponiert, unermüdlich am Anekdotenteppich der Familienmythologie weben, ob es um den Hund Joggi geht, der U-Bahn fahren konnte, diesen oder jenen Jugendstreich, diese oder jene unglückliche Jugendliebe - und immer wieder um die Bücher des Vaters, deren Figuren und Schauplätze, von Mariechens Box herbeigezaubert, seinen Frauen und Kindern gleichberechtigt an die Seite treten.

Wie Ostereier sind Anspielungen auf die Bücher des Autors Grass auf und um den Anekdotenteppich verstreut, von den von den "Hundejahren" und "Katz und Maus" über "Örtlich betäubt" und das "Tagebuch einer Schnecke", bis zum "Butt", der "Rättin" und "Ein weites Feld". Das hat seinen guten Sinn. Denn dieses Buch macht dem Grass-Leser ein Angebot zur freundlichen Übernahme. Er kann sich, wenn er will, vom Autor adoptieren lassen und am fortan Familienleben teilnehmen. Wem das gelingt, der wird an diesem Buch seine große Freude haben. Wer aber zum Adoptionsangebot sagt "Ich möchte lieber nicht", dem wird dieses Märchen, je länger er darin voranschreitet, um so unheimlicher. Denn in diesem Märchen ist auf ewig Vatertag.