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Nachruf auf Günter de Bruyn:Platz zwischen sich und der Welt

Günter de Bruyn

In ihm konnten Neu-Berliner ihren Fontane sehen: der Schriftsteller Günter de Bruyn.

(Foto: Regina Schmeken/SZ Photo)

Das Werk des Schriftstellers Günter de Bruyn besteht aus zwei Flügeln, vor und nach der Wende. Aber immer wurde die Fülle von Themen, Formen und Stilen zusammengehalten durch seinen skeptischen, untrüglichen Blick auf die Menschen.

Von Gustav Seibt

Wer sich auf den Spuren des Buches "Abseits" von 2005 auf die Suche nach dem brandenburgischen Dorf machte, in dem Günter de Bruyn seit 1967 von der Welt abgeschieden die meiste Zeit lebte, der wurde schon mehrere Kilometer im Umkreis davor gewarnt, den Dichter unaufgefordert zu besuchen. In Kossenblatt, fünf Kilometer von Görsdorf entfernt, hieß es: "Das hat er nicht gern." Und in Görsdorf selbst konnte einem die Auskunft zu dem noch weitere fünf Kilometer entfernten Waldversteck verweigert werden, in dem sich de Bruyns Häuschen befand: "Sind Sie denn angemeldet?"

Da hatte sich ein ganzer Landstrich - die sanft gewellte Region zwischen Beeskow und dem Spreewald - um seinen Dichter geschart, der Ruhe wollte. Stand man vor dem Gartentor, warnte ein Schild vor dem Hund. Neben dem Wohnhaus befand sich ein schlichtes Speichergebäude, für die Büchermassen des hochgelehrten Schriftstellers. Nie hätte man gewagt, hier einzutreten - Andeutungen, man sei ja öfter in der Nähe unterwegs, hatte de Bruyn mit stummem Lächeln quittiert. Arno Schmidts Bargfeld wirkt verkehrsnah im Vergleich dazu. Ein Einzelner, der es bleiben wollte, hatte den größtmöglichen Raum zwischen sich und die Welt gelegt, den ein alles kontrollierender Staat überhaupt erlaubte.

Aus dem "Märkischen Dichtergarten" wurde die Synthese einer ganzen Epoche

Als märkischen Schriftsteller hat ihn das gesamtdeutsche Publikum nach 1989 neu kennengelernt, weil er alle paar Jahre ein landschaftlich fundiertes Geschichtsbuch herausbrachte, in klarer, scheinbar schlichter Sprache erzählt. Als einen Fontane unserer Tage konnten die Neu-Berliner Leser ihn sehen, die dem Ruf der Hauptstadt gefolgt waren und deren Traditionen entdeckten; nur dass de Bruyn weniger die Geschichten des alten Adels erzählte (das auch), sondern die der Dichter und Schriftsteller, die sich vor allem um 1800 dort im Umkreis der Gutsherren bewegten. So wurde aus einer schönen Buchreihe, dem noch in der DDR-Zeit erschienenen "Märkischen Dichtergarten" (den de Bruyn zusammen mit Gerhard Wolf edierte), und etlichen Einzelstudien, etwa dem Buch zu den Finckensteins in Madlitz von 1997, eine große Synthese über Berlins Kunstepoche zwischen 1786 und 1815. Sie erschien 2006 und 2010 in zwei umfangreichen Bänden und wurde sogleich zu einer Bibel des neuen Berliner Bürgertums. Hier war eine Arno-Schmidt'sche Gelehrsamkeit mit köstlichen Nachrichten von Büchern und Menschen zu bewundern, nur weniger hochfahrend.

Doch das Bild des gelehrten, altersweisen de Bruyn verdeckt einen zweiten Schriftsteller, der zuletzt kaum noch im Gedächtnis war, der aber vor zwei Jahren unvermittelt wieder hervorbrach. Dass de Bruyn in den Sechzigerjahren aus der Großstadt Berlin, deren Kind der 1926 geborene in allen Fasern war, in die Weltabgeschiedenheit entwichen war, hatte vor allem politische Gründe. Denn nur hinter den Kiefern des Beeskower Landes mit seinen einsamen Feldwegen war de Bruyn vor Überwachung, Bespitzelung, menschlichem Verrat sicher, vor allem vor den Versuchen der Zersetzung, mit denen der Sicherheitsapparat der DDR sogar seine Ehe zu zerstören versucht hatte; diese sehr widerwärtige Geschichte hat de Bruyn in den Neunzigerjahren in seinem autobiografischen Band "Vierzig Jahre" - die Zeit seines Leben in der DDR - nur angedeutet, kaum recht erzählt. Wer sie auch nur ahnte, der musste vor dem verschlossenen Gartentor bei Görsdorf zurückschrecken. Hier war keine Idylle, sondern ein letzter Fluchtort.

Die beiden 1992 und 1996 erschienenen autobiografischen Bände, die "Zwischenbilanz" (über de Bruyns Berliner Jugend im Dritten Reich und im Zweiten Weltkrieg) und die "Vierzig Jahre", sind das Scharnier zwischen den beiden produktiven Phasen in seinem Schriftstellerleben. Es ist der Übergang von der Darstellung zeitgenössischer Gesellschaft zur märkischen Lokal- und Dichterkunde, von der Gegenwart zur Vergangenheit. De Bruyn, der als Schullehrer begonnen hatte und zum Bibliothekar wissenschaftlich ausgebildet worden war und von dem eine detaillierte Biografie Jean Pauls bereits 1975 erschien, war immer schon ein Gelehrter; die stupende Literaturkenntnis, die die späten Werke zeigen, erwirbt man nicht über Nacht. Aber von den Sechziger- bis in die Achtzigerjahre war de Bruyn vor allem ein realistischer Erzähler, dessen Figuren und Milieus der Gegenwart der DDR angehörten.

Wer "DDR" und "Realismus" hört, denkt leicht an irgendetwas zwischen ideologischer Brecht-Nachfolge und stumpfer Arbeiterliteratur. Doch de Bruyns Romane, vor allem seine vier besten, die Ehebruch-Geschichte "Buridans Esel" (1968), die Literaturbetriebssatire "Preisverleihung" (1972), der ironische Gelehrtenroman "Märkische Forschungen" (1981), schließlich der erschütternde Bericht von Demenz und Siechtum einer alten Frau - der eigenen Mutter - in "Neue Herrlichkeit" (1984) sind bürgerlicher, poetischer Realismus fast im Sinne des 19. Jahrhunderts. Sie bewegen sich auf der Grenzlinie zwischen naturalistischer Darstellung und exemplarischer Verallgemeinerung. Bürgerlich ist vor allem ihr Milieu, das staatlich alimentierte Bildungsbürgertum der DDR.

Seine DDR-Romane haben ihr Ursprungmilieu in aller Ruhe überlebt

Heute, im Rückblick, weiß man, dass diese Schicht die DDR weit mehr repräsentierte als die Arbeiter und Bauern, die sie ihn ihrer Selbstdeutung an die Spitze stellte. Die DDR war mit ihren zahlreichen Lehrern, Professoren, Akademiemitarbeitern, Bibliothekaren, Lektoren, Übersetzern, Dramaturgen und Dichtern vor allem ein Bildungs- und Kulturstaat, in dem die wirtschaftlich ungenutzte Zeit mit sorgfältiger Arbeit am Erbe und an der Volksbildung gefüllt wurde. Sie war ein Leseland, in dem Bücher und Schriftsteller Funktionen einer sonst nicht geduldeten freien Öffentlichkeit übernehmen mussten. All das war ideologisch gelenkt, aber eben darum ein für kleinste Abweichungen und Zwischentöne hellhöriger Raum. In ihm bewegen sich die Helden de Bruyns: Bibliothekare, Lehrer, Akademiemitarbeiter und Schriftsteller.

Warum sollte diese 1989 mit einem Schlag weggerutschte Welt heute noch von Interesse sein? War sie, unterm Schutzschirm einer alles regelnden Partei, nicht von vornherein antiquarisch, stubenhaft und bestenfalls verdruckst schnippisch, so wie abhängige Bildungskleinbürger es eben sind? Doch wer de Bruyns Vor-Wende-Romane aufschlägt, wird bezaubert von Frische und Witz. Trotz ihres minutiös gezeichneten, heute verschwundenen Milieus wirken sie unterhaltsam und leichtfüßig, frei von der geschichtsphilosophischen Beladenheit, die Heiner Müller, Christa Wolf oder Volker Braun zeigen. Sie haben ihr Ursprungsmilieu in aller Ruhe überlebt.

Das liegt zunächst am Stil. Sein Liebling Jean Paul hat wenig auf de Bruyn abgefärbt, eher sein anderer Liebling Fontane, von dem er sich manche trockene Stilgeste abgeschaut hat; gelegentlich meint man sogar Spuren von Arno Schmidt zu erkennen, so wenn es bei einer winterlichen Landpartie zum Herrensitz des Romantikers de la Motte-Fouqué in "Buridans Esel" heißt: "Fabrikneue Drillmaschinen glänzten in Sommerfarben. Fernsehantennen harkten Wolkenhaufen. Unterm Wind lagen braune Wiesen platt auf dem Bauch. Nennhausen: Bahnhof, Häuser, Kirche, Schloss mit verwildertem Park, durch dessen Bäume sich der Tag davonschlich. 'Und jetzt?' - 'Nach Hause.' - Der schwarzseidene Horizont zog sich enger und enger zusammen. Die Scheinwerfer rissen Lücken, durch die sie entfliehen konnten. 'In Nennhausen entstand die Idee für den Schlemihl!'"

"Buridans Esel" ist weder ein DDR-Roman noch eine Gelehrtengeschichte, sondern ein Liebes- und Ehebruchdrama, dessen Psychologie seine soziale Umwelt so hinter sich lässt, wie es "Effi Briest" auch tut.

Nach 1990 blühte de Bruyn als meinungsfreudiger Zeitgenosse regelrecht auf

Das hinderte de Bruyn nicht, sich in diesem 1963 bis 1965 entstandenen Buch etliche Frechheiten zu erlauben: Der Mauerbau wird erwähnt, nämlich mit der segensreichen Folge, dass das Ostberliner Ehepaar nun nicht mehr wöchentlichen Besuch von aufdringlichen Schwiegereltern aus West-Berlin ertragen muss; ein Hauswart in Berlin-Mitte, der beste Beziehungen zur Volkspolizei unterhält, hatte diese Funktion schon im Dritten Reich, wobei er jüdische Mitbewohner denunzierte und deren Wohnung übernahm; und der scheidungswillige Held Karl Erp, der "Esel" des Buches, wird von seinem Vorsatz nicht zuletzt durch den stickigen Albdruck eines Standesamts abgebracht, das den Obrigkeitsstaat ins Bild bringt.

"Preisverleihung" ist ein Buch über Schwierigkeiten mit der Wahrheit und mündet in eine grausam-komisch entgleisende Laudatio zu einem Arbeiterroman; selbst hier wirken nur die Parameter historisch, das Thema selbst nicht. Ebenso künden die "Märkischen Forschungen", die ein literaturgeschichtliches Thema zur preußischen Romantik kunstreich erfinden, von Anpassung und Gruppendruck in einem wissenschaftlichen Institut, und niemand kann sagen, dieses Problem seit mit dem Ende des Marxismus-Leninismus obsolet geworden. Die "Neue Herrlichkeit" schließlich, die man lange als Anklage gegen Pflegemissstände in der späten DDR lesen konnte, wird bei wachsender Altengesellschaft ihre Dauerhaftigkeit noch beweisen.

Nimmt man zu den beiden Flügeln dieses Lebenswerks, den Romanen der Zeit vor 1989 und den märkischen Literaturgeschichten danach, noch die imposante Mitte, die Autobiografie in zwei Bänden, die vom Durchkommen in zwei Diktaturen handelt, dann zeigt sich eine selten erreichte Fülle von Themen, Formen und Stilen. Was hält sie zusammen? Am ehesten wohl ein skeptischer, sündenbewusster, untrüglicher Blick auf die Menschen, ein zurückhaltender, unüberhörbar katholischer Ton, der sich bei de Bruyn aufs Glücklichste mit stadtberliner Nüchternheit, mit Humor und altmodischem Patriotismus verbindet. De Bruyn war Katholik, ein in Berlin nicht seltenes, aber doch Exklusivität bedeutendes Herkommen. Es machte ihn immun gegen die Verlockungen irdischer Ideologien und bewahrte ihm den ideologiefreien Blick auf zwischenmenschliche Verhältnisse. So ist seine Kritik an der DDR nie allgemein-theoretisch, sondern durchweg moralisch-konkret; "humanistisch" wäre schon zu abstrakt gesagt.

Erst in den letzten dreißig Jahren seines Lebens genoss er in vollen Zügen die Freiheit, die er zuvor schmerzlich vermisst hatte

Trotz etlicher Anerkennungen nach den Jahren der Zurücksetzung war de Bruyn am Ende der DDR über ihr Verschwinden so froh wie kaum ein anderer seiner im Land gebliebenen Schriftstellerkollegen. Noch kurz vor der Wende hatte er mutig einen jungen Kriegsdienstverweigerer unterstützt, Stefan Berg, der heute Redakteur beim Spiegel ist. Nach 1990 blühte de Bruyn regelrecht auf und wurde für ein paar Jahre zu einem meinungsfreudigen Zeitgenossen, der, gedämpft im Ton, aber entschieden zur Sache sprach, beispielsweise gegen das Holocaustmahnmal - für ihn eine monströse Selbstfeier deutscher Fähigkeit zu trauern; oder gegen die DDR-Nostalgie und ihre Feinde zugleich - wenn das sonderbare Heimweh echt sei, dann solle es doch gern einen Dichter zu etwas Bleibendem anstiften. So genoss Günter de Bruyn in den letzten dreißig Jahren seines Lebens in vollen Zügen die Freiheit, die er zuvor sechzig Jahre lang schmerzlich vermisst hatte.

In dieser harmonischen Lebenskurve vom Roman über die Autobiografie zur Historie bedeutete das letzte Buch 2018 einen beunruhigenden Bruch. "Der neunzigste Geburtstag" kehrte zurück zum zeitkritischen Roman. Er sammelte alle kritischen Motive, die sich seit dem Flüchtlingsherbst von 2015 beim konservativen Bürgertum angestaut hatten. Zugleich enthält er Innensichten des Alterns, die alles Meinen transzendieren. Auf unmittelbare Zeitkommentare hatte Günter de Bruyn offenbar keine Lust mehr. Umso schärfer fiel das Verdikt des Erzählers aus. Die späte Kühnheit wirft ein Licht zurück auf das ganze große Lebenswerk.

© SZ vom 09.10.2020/tmh
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