Türkei:Keine leichte Unterhaltung

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Künstler, Oppositionspolitiker, queere Netzwerke und andere Vereinigungen fordern ihre Freilassung: Popsängerin Gülşen. (Foto: Uncredited/dpa)

Nach der Festnahme der türkischen Sängerin Gülşen sind die Proteste laut. Viele kritisieren die islamisierende Kulturpolitik Erdoğans.

Von Tomas Avenarius, Istanbul

Eines darf, ja muss man an dieser Stelle vermuten: Der Präsident hört nicht gerne Pop. Jedenfalls keinen türkischen. Dabei ist die landestypische Unterhaltungs-Musik nicht einmal schlecht, im Gegenteil. Die Türkei hat weltweit bekannte Stars, Sezen Aksu, Tarkan, Gülşen, Sila, Mabel Matız, die Liste ist lang. Wobei Gülşen, von den Fans wegen ihrer aufreizenden Outfits, ihrer provokanten Auftritte und Videos als "die türkische Madonna" verehrt, derzeit nicht singt. Sie sitzt.

Die 46-jährige Musikerin wurde in Istanbul festgenommen, weil sie auf der Bühne einen zugegebenermaßen geschmacklosen Witz gemacht hatte. Sie lästerte über einen ihrer Show-Kollegen; dessen allen bekannte "Perversion" sei auf seine Zeit an einer Imam-Hatip-Schule zurückzuführen. Die Imam-Hatip-Schulen, das sind Schulen an denen dem Islam und der theologischen Bildung viel Raum gegeben wird. Der bekannteste Imam-Hatip-Absolvent ist Präsident Recep Tayyip Erdoğan.

Dass die Festnahme auf Anordnung von oben geschah, dass die Justiz politisch gesteuert wurde, dafür gibt es bisher keinerlei Belege. Aber in einem autoritär regierten Land verselbstständigen sich die Mechanismen gern und schnell. Dann tun Staatsanwälte unaufgefordert das, von dem sie vermuten, dass es im Interesse der Mächtigen liegt. In dieser Kombination kann aus einem schlechten Witz eine politische Sprengbombe werden.

Eine knapp bekleidete Pop-Diva, die die Regenbogenfahne schwenkt, der gute Ruf der von vielen Türken geschätzten Religionsgymnasien und - unausgesprochen, aber für jeden Türken verständlich - das Ansehen des Präsidenten. Die Musikerin selbst wird das gewusst haben. Ihr Scherz kam ja anfangs gut an in einem Land, das gespalten ist in Fromme und Säkulare: Das Gülşen-Publikum johlte. Wobei zu Anfang gar nicht mehr passiert war. Die Sängerin lästerte, das Publikum applaudierte, die Show ging weiter.

Erst jetzt, Monate später, löste ein Videomitschnitt des Konzerts einen Aufschrei bei Erdoğans Anhängern und in seiner AKP-Partei aus. Aus der Lästereien einer provokationsfreudigen Musikerin wird ein "Hassverbrechen" und eine "Schande für die Menschheit". Die Sache mit dem Video, so vermuten Gülşens Fans, dürfte dann auch politisch inszeniert gewesen sein. Ein Dreivierteljahr vor den anstehenden Wahlen finden sich immer Kräfte, die die Stimmung aufheizen wollen.

Die Gesellschaft soll zurück zu ihren historischen Wurzeln finden, der laizistische Atatürk-Staat re-islamisiert werden

Wie zu erwarten war, sind nach der Festnahme die Proteste laut. Die Widerworte, die in den sozialen Medien geäußert werden, würden ganze Zeitungsseiten füllen. Das Vorgehen der Justiz gegen Gülşen wird als Attacke auf die säkulare, ziemlich Islam-freie Lebensform vieler Türken verstanden. Die türkische Opposition springt natürlich auf. Sogar international erregt der Fall Aufsehen. Die US-Regierung hat sich eingeschaltet oder eingemischt - hier wird die Wortwahl in einem tendenziell Amerika-feindlichen Land wie der Türkei zur Haltungsfrage. Washington sieht in der Causa Gülşen jedenfalls die Kunst- und Meinungsfreiheit bedroht. Im Gegenzug äußerte sich der türkische Bund der Richter und Staatsanwälte. Man verwahrte sich gegen die Behauptung, die Justiz arbeite an der kurzen Leine der Regierung.

Von den Protesten aus Erdoğans Regierungspartei AKP ganz zu schweigen. Wobei: der Leumund islamischer Bildung muss den Anhängern des Präsidenten derzeit ein besonderes Anliegen sein. Immer wieder wurden jüngst Fälle von sexuellem Missbrauch aufgedeckt in den Schulen der stockkonservativen, politisch mächtigen "Islamischen Orden". Diese Enthüllungen erinnern an die dunkelsten Winkel katholischer Erziehungseinrichtungen. Nur: Für die Imam-Hatip-Gymnasien gilt dies nicht.

Die "Imam Hatip Liseleri" sind staatliche Berufsfachgymnasien, besucht von Jungen und von Mädchen, deren konservative Eltern Wert auf eine religiös gefärbte Erziehung legen. Wer abschließt, kann islamische Theologie studieren. Die männlichen Schüler können Vorbeter - also Imame - an einer Moschee werden. Für die Laufbahn bei der staatlichen Religionsbehörde Diyanet dürfte das Abschlusszeugnis hilfreich sein. Die Schulen gehören zu Erdoğans politischem Lebensprojekt. Die Gesellschaft soll zurück zu ihren historischen Wurzeln finden, der laizistische Atatürk-Staat re-islamisiert werden. Was viele zumindest dabei denken: Er will einhundert Jahre nach Gründung der Türkischen Republik zum muslimischen Vater der Nation und zum geschichtsträchtigen Anti-Atatürk werden.

Die Regierung betreibt ihre islamisierende Kulturpolitik auf wechselnden Feldern. Die Hagia Sophia, die 1500 Jahre alte orthodoxe Kirche in Istanbul, wurde unter Erdogan vom Museum wieder zur Moschee gemacht. Die Steuern auf Alkohol und Tabak sind astronomisch hoch, der Alkoholverkauf an religiösen Feiertagen untersagt. Der Staatschef lässt wissen, das Nationalgetränk sei nicht der auf Eis getrunkene Anisschnaps Rakı, sondern das Yogurt-Getränk Ayran.

Die Istanbuler Regenbogen-Parade war weltbekannt - bis die Behörden sie untersagten

Dazu das Dauerreizthema LGBT+. Für ein konservativ-islamisches Land wie die Türkei ist die Regenbogenbewegung ziemlich stark, macht sich bemerkbar. Die Istanbuler Regenbogen-Parade war weltbekannt - bis die Behörden sie untersagten. Führender Regierungspolitiker und der Chef des Diyanet, der obersten Religionsbehörde, warnen, LGBT+ sei der Feind, verderbe die Kinder, entehre die türkische Kultur.

Der Musik kommt bei diesen Re-Islamisierungstendenzen eine besondere Rolle zu. Orthodoxe sunnitische Islamisten verbieten nicht nur Bilder, sondern stören sich auch an Musik. Jüngst war schon eine Pop-Ikone Opfer staatlicher Anfeindung geworden: Sezen Aksu, die Königin des türkischen Pop-Musik, hatte in einem Song eine vermeintlich lästerliche Anspielung gemacht auf Adam und Eva, auf die Schöpfungsgeschichte. Die staatliche Rundfunkbehörde ordnete an, dass der Song, der die "moralischen Werte" verletze, nicht gespielt werden dürfe in TV und Radio. Nachdem der öffentliche Raum der Social Media entsprechend aufgeheizt war, meldete sich dann Präsident Erdoğan selbst zu Wort: "Es ist unsere Pflicht, solche Zungen aus dem Mund herauszuschneiden." Zumindest das ist Beleg dafür, dass der Präsident kein Freund der leichten Musik ist.

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