Großformat:Zeichensprache

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Bislang trat Natascha Süder-Happelmann mit einer Sprecherin auf. Nun stellt sich die Künstlerin, die Deutschland auf der Biennale von Venedig vertritt, erstmals den Fragen der Presse. Und antwortet mit Zeichnungen.

Von Catrin Lorch

Als die internationale Presse erfuhr, wer in diesem Sommer Deutschland bei der Biennale in Venedig vertreten wird, trat sie als Stein auf. Genauer gesagt: Der Kopf von Natascha Sadr-Haghighian verschwand unter einem künstlichen Felsbrocken. Und auch ihre Stimme war nicht zu hören, eine Sprecherin sagte, was zu sagen war. Dass die Künstlerin ihren Namen verändert hat und fortan Süder-Happelmann heißt. Zu häufig hätten Autokorrekturprogramme, Unaufmerksamkeit und Ignoranz öffentlicher Stellen ihren Namen deformiert. Selbstkritisch wie integrationsbereit habe die Künstlerin nun entschieden, dass diese "Instabilität im Namensbild" nicht mit ihrer neuen "repräsentativen Aufgabe" vereinbar sei. Süder-Happelmann sei die von Algorithmen verbesserte Version ihres Namens.

Kein Gesicht, keine Stimme, kein Name - und auch die Informationslage wurde unübersichtlich. Da Natascha Süder-Happelmann schon vor einigen Jahren die Website bioswop.net gegründet hat, eine Tauschbörse für Künstlerbiografien, kann sie bei Geburtsort und Datum so widersprüchliche Angabe machen wie "1963 in Teheran" oder "1979 München" oder "1979 in Kassel", ihren derzeitigen Wohnort gibt sie mal mit Santa Monica an, dann wieder mit Gütersloh.

Was dagegen als gesichert gelten kann, das sind die künstlerischen Projekte. Für die dreizehnte Ausgabe der Documenta legte sie am Rand der Karlsauen in Kassel einen "Tierpfad" an, der über Kriegstrümmer führte und von künstlichen Tierstimmen beschallt wurde. Sie gehört zu den Begründern der "Society of Friends of Halit", die zur Documenta 14 eine Rekonstruktion des Kasseler NSU-Mordes in Auftrag gaben. Rassismus, Globalisierung, Industrie und politische Fragestellungen härten bei ihr in Projekten aus wie "Leopard 2A7+", das unter anderem die Frage thematisiert, warum Panzer so häufig nach Raubtieren benannt werden. Beispiel war der "Leopard", der zum deutsche Exportschlager wurde, weil er sich auch für Einsätze bei Demonstrationen eignet. Neben bunten Installationen entstanden Audio-Experimente, die Leopardengebrüll mit dem Rattern von Panzerketten mischen, und in glühend-grüne Soundkurven übersetzten.

Die fünf Blätter, die Natascha Süder-Happelmann für dieses Großformat gezeichnet hat, erinnern optisch an diese Grafiken, die Töne sichtbar machen. Sie sind der nächste Schritt im öffentlichen Auftritt der Künstlerin, die auf Interview-Anfragen zum deutschen Pavillon ausschließlich mit dem Zeichenstift antwortet. Die SZ, die ihr hier fünf Standard-Fragen stellt, die in fast jedem Künstlergespräch vorkommen, ist das erste Medium, dem sie so Rede und Antwort steht. Das Entschlüsseln hat allerdings etwas von einem Rorschach-Test: Wie ringelig und zart scheint die Verbindung zwischen der oberen und der unteren Soundkurve, wo es um die Frage nach Vorbildern geht. Und - Frage 5 - die lang gestreckte Abstraktion, die etwas mit dem Kunstmarkt zu tun haben muss, erinnert an die Umrisse eines Krokodils, das sich voranschleppt. Wird man diese Botschaften am Ende des Kunstsommers lesen können so wie Hieroglyphen oder alte Schriften? Es kann sein, dass Süder-Happelmann hier eine neue Sprache begründet, eine für Künstler.

© SZ vom 02.02.2019 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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