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Großformat:Verbrechen und Versprechen

Ein Blick in die Werkstatt des Schriftstellers Thomas Meinecke. Er wandelt als Autor auf den Spuren von Hubert Fichte, der seinerseits dem Ethnologen Pierre Verger folgte. Eine Geschichte aus Brasilien.

Hubert Fichte: Für mich der große Pionier einer Popliteratur deutscher Zunge. Zunächst nah dran an den klassischen Topoi der Popkultur, subkulturelle Kaschemmen seiner Heimatstadt Hamburg nacherzählend, Palette, Grünspan, sogar eine Langspielplatte live im Star Club aufgenommen. Dann aber in einem fantastischen stilistischen Enhancement transatlantisch (im Dreieck zwischen Europa, Afrika und den Amerikas) ausufernd in als Romane untertitelte Chroniken, Mitschriften, Protokolle, Aufzählungen, denen er das Genre-Etikett Ethnopoesie verlieh. In dieser die letzten anderthalb Jahrzehnte seines 1986 (mit nur 50 Jahren) frühvollendeten Lebens praktizierten Poetik, die sich in einem umfangreichen, über seinen Tod hinaus edierten schwarzen Bücherblock namens "Die Geschichte der Empfindlichkeit" niederschlug, war er für mich noch viel mehr POP als mit seinem einzigen Erfolgsroman "Die Palette".

Zwei dieser besonders intensiv afroamerikanischen Kulturtechniken zugewandten Romane ("Xango" und "Explosion") spielen weitgehend in der brasilianischen, besonders afrikanisierten Stadt Salvador da Bahia de Todos os Santos, wo sich Fichte in einem der inoffiziellen Viertel der Stadt (Favelas) an den französischen Ethnologen Pierre Verger, der dort lebte, liebte und forschte, sagen wir ruhig: heranmachte, um in ein homosozial libidinöses Male Bonding zu geraten, das sich sowohl auf sexuelle Abenteuer in Kino-Toiletten als auch das fleißige Anlegen von Herbarien in den die Stadt durchziehenden Urwäldern bezog. Als geistiger Raum tat sich dabei das psychedelische, in der Ausübung nicht ungefährliche, geheime Kräuterwissen des Candomblé auf, jener auf den ersten Blick unheimlichen, mit Pseudo-Katholizismen synkretistisch durchsetzten afrobrasilianischen Religion, die auf Haiti unter dem Namen Vodou (Voodoo) und auf Kuba als Santeria praktiziert wird. Und vor deren Pop-Altären sich Fichte nun in einer irren Mixtur aus Skepsis und Ergebenheit einfand. Verger, zunächst Fotograf, dann autodidaktisch selbsternannter Ethnologe, hatte sich mit Büchern zum Thema (und auch seinen fotografischen Dokumentationen) nicht nur einen Ruf in der ethnologischen Fachwelt erarbeitet, sondern er war auch bereits 1953 in Benin mit dem religiösen Zunamen Fatumbi ausgezeichnet worden. Hochinteressant seine Studie zu den Villen im portugiesischen Kolonialstil, die sich frei gewordene Sklaven aus Bahia in Westafrika errichteten: "Fluxo e Refluxo do tráfico de escravos entre o golfo de Benin e a Bahia de Todos os Santos". Und 1966 bekam der Schulabbrecher Verger von der Sorbonne in Paris sogar einen Doktortitel verliehen. Fichte, dessen Name auf dem Gelände der heutigen, in Vergers ehemaligen Wohn- und Arbeitsräumen existierenden Fundaçao Verger nicht so gern gehört wird, quetschte, so sagte man mir, den Ethnologen nicht nur auf seiner eigenen Suche (manchmal auch der mitunter sensationslüsternen fotojournalistischen seiner Lebensgefährtin Leonore Mau) nach den verbotenen Zonen des Candomblé aus, sondern er machte sich passagenweise auch lustig über den älteren Freund, der, 1902 geboren, erst 1996 verstarb. Das Tolle an Fichtes Romanen ist aber gerade auch das Palimpsest-hafte, mit dem er das Wissen und die vor Ort entstandenen Texte Jorge Amados und Pierre Vergers überschrieb. Im Jahr 2010 wurde ich als Writer in Residence nach Salvador da Bahia eingeladen, um mich meinerseits produktiv auf die Spuren Hubert Fichtes machen zu können (die ich an anderen Orten für meine Bücher bereits wiederholt aufgenommen hatte; nun sollten sie sich zentral in meinem Roman "Lookalikes" niederschlagen). In der Stiftung führte ich verschiedene Interviews, besonders mit Pierre Vergers Schülerin, der heutigen Leiterin (und Musikwissenschaftlerin) Angela Lühning, die mir sowohl Zugänge in die Welt der versteckten Tempel des Candomblé öffnete als auch den zu der privaten Bibliothek des Ethnologen, in der ich, neben der Einsicht in seine Erörterungen, Zeichnungen, Tanzdiagramme und Fotos, auch das einzige auf Brasilianisch erschienene Buch Hubert Fichtes entdeckte: "Etnopoesia. Antropologia poética das religiões afro-americanas", mit den Initialen PV auf der ersten Seite, sowie pikierten Markierungen (per Kugelschreiber) jener Stellen, an denen Pierre Verger persönlich vorkommt. Ausgesprochen auratischer Augenblick, vor Ort in Worten und Bildern festgehalten, hier erstmals auch visuell geteilt.

Fichte, Hubert.

(Foto: Leonore Mau/INTERFOTO)

Thomas Meinecke konzipiert sein Schreiben eher wie angewandte postmoderne Kunst. Er begreift sich nicht als souveränes Autorengenie, das wundersam aus sich selbst schöpft. Die beiden Bilder und der Text auf dieser Seite sind so etwas wie ein Blick in seine Werkstatt während der Arbeit an seinem 2011 erschienenen Roman "Lookalikes", für den er sich in Brasilien auf die Spuren Hubert Fichtes machte, der wiederum einst dort auf den Spuren des Ethnologen und Fotografen Pierre Verger war. Der Popist Meinecke arbeitete auch dort wie immer unter Auflagen. Mit dem Material, das zur Hand ist, mit den Ereignis- und Theorie-Schnipseln, die einem die Gegenwart vor die Nase spült. Pop, Pomp und Circumstances. Mode und Models, Musik und Kunst, Lady Gaga und Ryan Trecartin, Goethe und Rick Rubin oder eben der hier abgebildete Hubert Fichte und Pierre Verger.

Es geht um Zitate und Zitate von Zitaten, um Rekontextualisierungen und Sampling, um Referenzen - mit f - und Reverenzen - mit v - , um Verflüssigung des Wissens und der Erfahrungen, die Meinecke gerne das Ozeanische nennt. Kurz: Es geht darum, Umgebungen zu schaffen für unvermutete Evidenzen und Gedankenblitze aller Art. Thomas Meinecke ist ein forschender Erzähler, ein großer Arrangeur. Es geht ihm nicht um prächtige - er selbst würde sicher sagen: maskuline - Erkenntnisgebäude oder eine konventionelle Romanhandlung. Es geht darum, sich in den Datenhagel der Verweishölle zu wagen und die Brüchigkeit und Durchlässigkeit unserer Überzeugungen, Neigungen und Begierden zu erkunden. Nicht wenige Leser hat das schon sehr zornig gemacht, ein Kritiker schrieb einmal, Meinecke-Texte läsen sich, "wie eine im 26. Semester endgültig aus dem Ruder gelaufene kulturwissenschaftliche Magisterarbeit" - oder wie "die Chronik einer Internet-Recherche über obskure Subkulturen nach vier Uhr morgens". Tatsächlich kann man diesen Eindruck bekommen, wenn man seine Bücher wie normale Romane lesen möchte. Aber warum sollte man das tun? Man sieht ja auch nicht in ein Kochbuch, wenn man den Weg zum Bahnhof in Erfahrung bringen möchte.

Mit anderen Worten: Man muss für Meinecke bereit und stark sein zu akzeptieren, dass das 19. Jahrhundert vergangen ist. Dass die Einheit der Welt, die es zu erzählen gilt, so sie nicht ohnehin immer schon eine bequeme Illusion war, nicht mehr existiert. Oder vielmehr: dass die Wahrnehmung der Welt höchst fragmentarisch und dann auch noch meistens medial vermittelt ist. Und dass die Feier des vermeintlich Wahren und Echten und Eigentlichen kein Versprechen ist, sondern ein Verbrechen. Jens-Christian Rabe

© SZ vom 02.09.2017
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