Großformat:Typologie der Jugend

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(Foto: BStU)

Wie sehen Popper aus? Und was an Punks ist gefährlich? Ein Stasi-Diagramm zeigt, was für ein holzschnittartiges Bild sich die Stasi von den Jugendkulturen der Achtzigerjahre machte.

Von Alex Rühle

Es wurde unübersichtlich in den späten Jahren der DDR. Dabei hatte die Partei doch 1974 ganz klar in ihrem Jugendgesetz dekretiert: "In der DDR stimmen die grundlegenden Ziele und Interessen von Gesellschaft, Staat und Jugend überein. Geführt von der SED haben die Arbeiterklasse, alle anderen Werktätigen und die Jugend den Staat der Arbeiter und Bauern geschaffen. Gemeinsam gestalten sie ihr sozialistisches Vaterland." Plötzlich aber tauchten überall Jugendliche auf, die "Nö" sagten und sich einer dieser vielen unkontrolliert aufkeimenden Subkulturen anschlossen, schreckliche Klamotten trugen, verlotterte Frisuren hatten und noch schlimmere Musik hörten, genauer gesagt "transatlantische Veitstanzmusik" (Junge Welt). Die allergrässlichste Musik aber machten diese Punks, die in Erfurt oder Leipzig Bands namens Schleim-Keim oder Wutanfall gründeten. Weshalb Erich Mielke seinem Ministerium für Staatssicherheit 1983 den Befehl gab, die Punkbewegung zu zerschlagen.

Aber wer ist überhaupt genau ein Punk? Anscheinend hatte die Stasi da ihre Zuordnungsschwierigkeiten: Dieses grotesk ungelenke Diagramm, das heute im Archiv des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) liegt und um 1985 angefertigt wurde, versucht etwas Licht in den düsteren Dschungel der Bewegungen zu bringen, die alle eint, dass sie als "negativ-dekadent" eingestuft wurden. Dass die evangelische Kirche in jenen Jahren zu einem Zufluchtsort nicht nur für systemkritische Christen wurde, kann man aus der Rubrik ersehen, die festhält, dass viele Punks in "kirchl. off. Jgd.arbeit" tätig seien und "von Diakonen angeleitet" werden.

Teds, Grufties und Popper sind politisch desinteressiert und damit eher ungefährlich. Die Streber unter all diesen widerständigen Gruppierungen waren aber anscheinend die Heavys, jedenfalls glaubt der Stasi-Mitarbeiter, man könne sie "zunehmend in Org.formen der FDJ" integrieren. Viel genützt hat der Stasi ihre Grafik im Kampf gegen alle Feinde des Sozialismus nicht, die DDR ist trotzdem untergegangen.

© SZ vom 09.03.2019 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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