Großformat:Turmbau zu Babel

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In aller Welt werden immer spektakulärere Hochhäuser gebaut. Josef Stöger baut auch Luftiges, allerdings hat er sich auf eine andere Schaulust spezialisiert: auf Baumwipfelpfade.

Von Gerhard Matzig

Bevor wir das Büro des Architekten Josef Stöger in Schönberg/Niederbayern (3834 Einwohner) besuchen, muss noch kurz von Norman Foster (London) die Rede sein. Der will an der Themse im Finanzzentrum möglichst bald einen 305 Meter hohen Wolkenkratzer in Form einer knospenden Tulpe realisieren. Manche sehen darin einen Phallus. Das Besondere an dem Bau sind weder Büros, noch Wohnungen, sondern die 360-Grad-Aussicht in der futuristischen Erlebniskuppel. Was es nicht alles gibt, könnte man denken. Genau das soll man aber auch denken, wenn demnächst der Baumwipfelpfad Pohorje in Rogla (Slowenien) von Stöger verwirklicht wird. Mit dem Unterschied: Von dem 38 Meter hohen Turm aus soll man einen Wald in den Blick nehmen - und sich idealerweise denken, dass die Natur schon auch ihre Magie hat.

Die Skizze macht klar, worum es dem Architekten geht: Sein Gebilde besteht aus der Materialität, dem Geist und der Struktur des Ortes. Das hölzerne Gebilde ist zugleich Skulptur, artifizielle Konstruktion und Naturwesen. Ein Gebilde der Ökologie, das zum Nachdenken darüber einlädt. Ein Stück simples Waldleben und doch auch ein Wunder und Spektakel eigener Art. Die Erlebnis Akademie AG, die Turm und Pfad, eintausend Meter lang und vier bis zwanzig Meter hoch, in einigen Wochen realisiert, will damit ein "unbeschwertes Naturerleben" fördern - und "Perspektiven vermitteln", vielleicht auch für das eine oder andere "Ohh" und "Ahh" sorgen.

An diesem Punkt treffen sich die Turmbauten, die beide nicht in Babylon entstehen. Sondern im stillen Wald - und in der Megametropole. Zum Staunen laden beide Gebilde ein. Wobei man sagen muss: Noch nie ist es gelungen, das statische Wunderwerk eines Baumes oder auch nur eines Grashalmes mit architektonischen oder ingenieurtechnischen Mitteln zu übertrumpfen. Der Wald ist dann doch noch ein bisschen mehr Ja-der-Wahnsinn als die 305 Meter hohe Erregung einer Phallustulpe.

© SZ vom 13.04.2019 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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