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Großformat:Schirm der Hoffnung

Die Designerin Ayzit Bostan entwarf eine Kunstinstallation für den öffentlichen Raum in Paris. Corona durchkreuzte die Pläne. Es bleibt die Hoffnung, dass das Konzept im nächsten Sommer realisiert werden kann.

Es ist diese Leichtigkeit, die so besticht. Ein paar Sonnenschirme, zufällig in den Sand gesteckt. Sie neigen ihre Köpfe in unterschiedliche Richtungen, überkreuzen sich, werfen Schatten in das warme Abendlicht. Die Menschen, die darunter lagen, sind schon gegangen. Ihre Schirme sind wie Botschaften im Sand, von dem Tag am Meer. Wie im Sommer 2020 ein Tag am Meer aussehen wird, weiß bislang noch keiner. In Zeiten von Corona wird der Radius der Menschen täglich neu bemessen - anhand der Zahlen der Neuinfizierten und der Toten. In der italienischen Tageszeitung Corriere della Sera denkt man zumindest schon mal über Plexiglaskojen nach, die Platz für zwei Strandliegen bieten und vielleicht auch den erhofften Schutz vor Ansteckung bringen. Ein dichtes Gedränge am Strand jedenfalls genauso wie die üblichen Rituale eines Sommers, kann sich zur Zeit kaum einer vorstellen.

Das Bild von den weißen Schirmen im Sand hat die Münchner Designerin und Künstlerin Ayzit Bostan aus ihrem vergangenen Sommerurlaub in der Türkei mitgebracht. Sie mochte "die Poetik des Verlassenen", wie die Schirme gleichzeitig großzügig und lässig wirkten. "Das wollte ich in einen Stadt-Moment übertragen." Bostan war vom Goethe-Institut Paris eingeladen worden, zusammen mit anderen Künstlern und Designern aus München an "Munich Unique" teilzunehmen, einem Veranstaltungszyklus, der den Parisern jeden Sommer das Kulturleben einer anderen deutschen Stadt vorstellt. 2020 wäre München dran gewesen. Inspiriert von den verlassenen Strandschirmen plante Bostan einen Treffpunkt im öffentlichen Raum, einen Ort, wo man zusammenkommt, verweilt, sich zufällig begegnet.

Die Installation "Parasol", bei deren technischer Umsetzung die Architektin Ina Schmidbauer half, sollte im Garten des Modemuseums Musée Galliera von April bis Juli aufgebaut werden, die Eröffnung mit Drinks von Charles Schumann gefeiert, der Ort mit DJ-Sets und Lesungen belebt werden.

Corona hat die Pläne durchkreuzt. Der öffentliche Raum wird aktuell lieber schnell durchschritten statt genossen. Sich hier zu treffen, eng zusammen zu stehen, ausgelassen den Abend zu genießen, ist im Moment weder vorstellbar noch zu empfehlen. Doch zumindest gibt es den Plan, "Parasol" im nächsten Jahr zu zeigen. In der Hoffnung, dass diese zauberhafte Insel dann von jedem gefahrenlos angesteuert werden kann und der öffentliche Raum wieder seine Leichtigkeit erhält, die er mal besaß.

© SZ vom 18.04.2020

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