Großformat:Rasierverbot

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Im Mai 2020 führen die Oberammergauer wieder ihr Passionsspiel auf. Deswegen ist es für die mitwirkenden Bürger des Ortes von Aschermittwoch an verboten, Haare und Bart zu schneiden.

Von Rudolf Neumaier

Wie Jesus und sein Anhang wohl ausgesehen haben? Wer wollte dagegen wetten, dass der Messias jene praktische Stoppelfrisur wählte, die das Kämmen entbehrlich macht, und dass er seine Wangen mit Koteletten schmückte? Und wer könnte letztgültig ausschließen, dass Judas einen Schnauzer bevorzugte, Petrus einen einsamen Schiebel auf dem ansonsten gänzlich kahlen Haupt und Maria Magdalena einen Angela-Merkel-Bob? Die normative Kraft christlicher Fantasie aber hat das biblische Personal mit langem Haar ausgestattet, die Männer tragen nach dieser Vorstellung Vollbärte. Und daran halten sich auch die grundfrommen Oberammergauer.

Vom kommenden Mittwoch an dürfen sich die Männer, Frauen und Kinder des Ortes ihre Haare nicht mehr schneiden, wenn sie im kommenden Jahr beim weltberühmten Passionsspiel mitwirken wollen. Von Aschermittwoch an gilt ein Barterlass. In den von der Gemeinde verfügten "Bestimmungen über das Recht der Mitwirkung bei den Passionsspielen im Jahre 2020" ist das klar geregelt. "Mitwirkungsberechtigte können ausgeschlossen werden", heißt es dort, "wenn gegen die geltende Garderobenordnung oder den Haar- und Barterlass verstoßen wird."

Das hat in dieser Woche der Friseurmeisterin Gabriele Daisenberger im Salon Kretschmar erkleckliche Konjunktur beschert. Vor allem Männer seien gekommen, um sich ihre Haare ein letztes Mal "richtig schön kurz schneiden" zu lassen, sagt sie. Frauen hätten es leichter, denn sie können "mit Übergangsfrisuren ein Jahr lang hinarbeiten". Die Passion wird erst Mitte Mai 2020 aufgeführt. Frau Daisenberger wird als Frau aus dem Volk beim Einzug in Jerusalem auftreten.

Seit ihre Ahnen im Jahr 1632 von der Pest heimgesucht wurden, spielen die Oberammergauer die Passion alle zehn Jahre. Bis zur Jahrtausendwende legte ein Passionskomitee den Termin für das Rasierverbot fest. Im Jahr 1959 war es der erste Sonntag der Fastenzeit, inzwischen hat sich der Aschermittwoch etabliert. Wie üppig Oberammergauer Haare wachsen, zeigen die Karten von einer Premierenfeier aus dem Jahr 1900 und von der Dorfjugend in zivil aus dem Jahr 1910.

Als einzige Dorfbewohner sind die Atemschutzträger der Freiwilligen Feuerwehr vom Haarzwang befreit. Laut ihrem Kommandanten Peter Gaus machen 22 der 24 Männer davon Gebrauch. Für sie gilt das Gegenteil: Sie müssen sich rasieren, damit die Atemschutzmaske dicht bleibt. Wenn sie mitspielen, dann als Passionsmusiker. Oder als Römer. Jünger und Feuerwehrler - das schließt sich aus. Und ein bisschen Arbeit müssen die Friseure auch noch haben.

© SZ vom 02.03.2019 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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