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Der Schauspieler Joachim Gottschalk war in Deutschland ein Star, bis die Nazis ihm Filmverbot erteilten und ihn in den Suizid trieben. Zuvor zwangen sie ihn, seinen Besitz aufzulisten.

Von David Steinitz

Der Schauspieler Joachim Gottschalk, Jahrgang 1904, war neben seinen Theaterengagements in Stuttgart, Leipzig, Frankfurt und Berlin einer der Stars des deutschen Kinos der späten Dreißigerjahre. Er war in Ufa-Produktionen wie dem Liebesfilm "Du und ich" (1938) oder dem Abenteuerfilm "Aufruhr in Damaskus" (1939) zu sehen. Allerdings stand er nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 unter strenger Beobachtung, weil seine Ehefrau Meta Wolff zwar evangelisch-lutherisch getauft, nach den Rassengesetzen der Nationalsozialisten aber als Jüdin eingestuft wurde. Meta Wolff, die ebenfalls als Schauspielerin arbeitete, erhielt Berufsverbot. Der gemeinsame Sohn Michael, 1933 geboren, wurde als "Mischling ersten Grades" eingestuft. Joachim Gottschalk (Foto: SZ Foto), der beim Publikum sehr beliebt war, erhielt eine "Sonder-Auftrittsgenehmigung". Aber die Nazis forderten ihn schon in den Dreißigerjahren auf, sich scheiden zu lassen. Der Propagandaminister Joseph Goebbels forderte sogar persönlich die Trennung. Gottschalk weigerte sich und bekam in der Folge im Mai 1941 Filmverbot. Die Produktion "Die schwedische Nachtigall", in der Gottschalk den dänischen Märchenautor Hans Christian Andersen spielte, wurde sein letzter Film. Am 1. November desselben Jahres bestellte ihn der SS-Brigadeführer Hans Hinkel ein und drohte, Frau und Kind ins Konzentrationslager Theresienstadt deportieren zu lassen, wenn Gottschalk nicht endlich die Scheidung einreiche. In dieser Lage entschlossen sich die Eltern am 6. November 1941 zum Suizid und töteten sich und das Kind in der gemeinsamen Wohnung. Goebbels verbot alle Nachrufe. Noch wenige Wochen zuvor hatte Gottschalk eine Bestandsliste seines Eigentums für die Nationalsozialisten ausfüllen müssen, die wir in Erinnerung an die Familie und an den damaligen politischen Irrsinn an dieser Stelle zeigen. Zur Verfügung gestellt wurden die Unterlagen vom Filmmuseum Potsdam, das den Nachlass Gottschalks 2018 übernahm. Das Formular über "Mein Hab und Gut" führt alle Besitztümer der Familie in ihrer Wohnung im Seebergsteig 2 in Berlin-Grunewald auf und war ein Instrument der Demütigung. Vom Kleiderschrank über die Nähmaschine, die Nachttischlampen, Papierkörbe, Bücher, Handtücher, Röcke und Blusen bis zur Unterwäsche musste alles mit Preis aufgeführt werden, was man besaß. Ein trauriges Zeugnis des bürokratischen Eifers der Nationalsozialisten.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, der Schauspieler Joachim Gottschalk habe unter der nationalsozialistischen Herrschaft Berufsverbot erteilt bekommen. Dies bezog sich allerdings nur auf seine Arbeit beim Film, er trat zum Beispiel weiter am Theater auf. Zudem handelt es sich bei dem gezeigten Dokument nicht um ein Behördenformular, sondern um ein frei verkäufliches Formular.

© SZ vom 23.11.2019 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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