Großformat Im falschen Leben

Die Entdeckung eines Künstlers: Der Brasilianer Jesuys Crystiano lebte lange auf der Straße. Seine ausdrucksvollen und eigensinnigen Zeichnungen prangen auf Mauern und Hauswänden. Jetzt wird sein Nachlass aufgearbeitet.

Von Catrin Lorch

Es war ein Ritual, morgens gab es Milch und ein Blatt Papier, abends lieferte Jesuys Crystiano dann eine Zeichnung ab. Tag für Tag, gut vier Jahre lang. Was anderen Künstlern die Kunstszene ist, das Publikum, die Sammler - das war für diesen brasilianischen Zeichner die Familie von Thilo Scheuermann und die Angestellten seines Hotels. Der aus Deutschland stammende Hotelier, der Art brut und Outsider-Kunst schon aus Galerien kannte, hatte das Zeichentalent im Jahr 2010 in den Straßen von Ilhéus in Bahia bemerkt, wo auf Mauern oder an Hauswänden dessen ausdrucksvolle und eigensinnige Motive prangten.

Damals lebte Jesuys Crystiano unter einer Treppe nahe der Markthallen, die Nische hatte er ebenfalls ausgemalt. Nachbarn versorgten ihn mit Kleidung und Lebensmitteln, im Viertel teilte man sich die Verantwortung für den mageren, zerlumpten und offensichtlich verrückten kleinen Mann, der ständig auf der Flucht schien und der es als Alkoholiker zuließ, dass man ihm in Kneipen roh mitspielte. Nachdem im Jahr 2011 aber eine solche Nacht mit lebensgefährlichen Verletzungen im Straßengraben geendet hatte, kam Jesuys Crystiano in ein Krankenhaus, wo man die Einweisung in die Psychiatrie empfahl, während sich die alten Nachbarn weigerten, weiterhin die Verantwortung für den Pflegebedürftigen zu übernehmen.

"Ich habe ihn dann einfach aus dem Krankenhaus mitgenommen", sagt Thilo Scheuermann, dessen Familie überrascht war, als das neue Familienmitglied im Auto saß. Statt des Gästezimmers suchte sich Crystiano dann irgendwann einen Rohbau auf dem Hotelgelände für seine Schlafmatte, kletterte über Mauern und Zäune, streifte durch die Landschaft oder folgte Thilo Scheuermann, wenn der Einkäufe oder Besprechungen zu erledigen hatte. "Er war sicher missbraucht worden als Kind, was zu einem gewaltigen Vertrauensverlust geführt hatte", nimmt Thilo Scheuermann rückblickend an. Der schizophrene Künstler drehte nicht nur die Motive auf seinen Bildern auf den Kopf, er kippte zupackend auch Tische und Stühle um, riss Blumen im Garten des Hotels aus, um sie so einzupflanzen, dass ihre Wurzeln in den Himmel ragten, wenn er nicht den Kindern ihr Spielzeug stahl und vergrub.

Die Familie hielt durch, pflegte den Mann, schätzte seinen Humor und bewahrte seine Bilder. Doch nach Crystianos Tod im Jahr 2015 und der Rückkehr der Familie nach Deutschland stellte sich die Frage, was man mit so einem eigenartigen Werk anfängt. Schon früh hatte Scheuermann Kontakt zur Galerie Susanne Zander aufgenommen, die sich für diesen Nachlass engagieren wollte. Ein Sammler hatte die Vermarktung empfohlen, damit dieses außerordentliche Werk in den Kreislauf der Kunst findet. Als späte Genugtuung für einen Künstler, der im falschen Leben gelandet war? Scheuermann erinnert sich an den gemeinsamen Besuch eines Museums und wie wenig sich Jesuys Crystiano für die ausgestellte Kunst, diese ganzen Werte interessierte. "Sein Zeichnen war für ihn auch keine Kunst, eher ein Zahlungsmittel, um eine mir unbekannte Schuld abzutragen, die ihn Tag für Tag peinigte. Aber wenn ich die Bilder jetzt gerahmt sehe, dann glaube ich, dass ihn das schon gefreut hätte."