Großformat Europas Stil

Mode muss exklusiv und ein bisschen untragbar sein. Das wusste Otto Lendecke schon vor 100 Jahren. Der Wiener Gestalter hatte das in Paris gelernt. Noch kurz vor dem Ersten Weltkrieg kannte der Austausch unter den Kreativen keine Grenzen.

Von Laura Weißmüller

Im Augenblick tourt der Modezirkus wieder durch Europa. Eben hat er seine Zelte in Mailand aufgeschlagen. Die Laufstege der Fashion Week in London sind schon wieder abgebaut, doch das große Finale steht noch aus: Nächste Woche beginnen die Schauen in Paris, immer noch die Hauptstadt, was Mode betrifft. Brexit? Flüchtlingskrise? Grenzkontrolle? Die kreative Elite stoppt das nicht. Das war vor gut 100 Jahren ähnlich. Noch bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg war Europa die Künstlerplattform Nummer eins, feindliche Nationalismen hin oder her. Der Austausch zwischen Paris, London und Wien florierte. Wie, das zeigt etwa unsere Modezeichnung (Abbildung: MAK). Die prächtigen, opulent geformten Pelzmäntel, die uns die beiden Damen auf der mondänen Treppe fast wie bei einem Schauspiel vorführen, hat Otto Lendecke 1913 in Wien entworfen. Eigentlich war er Grafiker.

Doch 1911 zog er an die Seine. Dort traf er den legendären Paul Poiret (1879 - 1944), der ihn nachhaltig beeinflusst haben muss. Der französische Modeschöpfer gilt als einer der wichtigsten Vorreiter für all das, was heute den Modezirkus ausmacht. Er hat das Reformkleid entwickelt - aus heutiger Sicht eine eher romantisch anmutende Mischung aus Tunika und Nachthemd, damals jedoch eine bahnbrechende Befreiung für die Frau, konnte sie sich darin doch ganz ohne Korsett bewegen -, und er hat der Welt gezeigt, was ein Modeimperium ist. Poiret entwarf nicht nur Kleider, sondern kreierte auch Parfum, Möbel, Stoffe. Lendecke nahm diese Inspiration mit zurück an die Donau und baute sie in seine Arbeit für die Wiener Werkstätten ein.

Die Masse hat die von Poiret inspirierten Pelzmäntel sicherlich nicht getragen, aber das war ja noch nie die Zielgruppe der Haute Couture. Viel mehr haben sich wohl die Frauen der Wiener Elite darin gefallen. Für wen genau Lendecke die Mode, die er so szenisch auf der Treppe arrangierte, entwarf, ist unklar. Sowieso ist über den Künstler, der 1886 in Lemberg geboren wurde und 1918 in Wien starb, kaum mehr bekannt als eine knappe Biografie im Allgemeinen Künstlerlexikon. Sein Nachlass ging zwar schon 1929 ans Österreichische Museum für angewandte Kunst (MAK) in Wien. Doch eine Ausstellung über Lendecke, der auch als Maler, Bildhauer und Illustrator für Modejournale arbeitete, ursprünglich aber Offizier in der österreichischen Armee war, steht noch aus. "Nachlässe und Schenkungen bleiben oft über Jahrzehnte verwahrt, bis sie ihre verdiente Bekanntmachung erfahren", sagt Kathrin Pokorny-Nagel, Leiterin der Bibliothek und Kunstblättersammlung am MAK. Vielleicht wäre jetzt genau der Zeitpunkt dafür. Während Europa auseinanderzubrechen droht, lohnt es, an die Verbindungen auf diesem Kontinent zu erinnern.

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