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Großformat:Eine strahlende Aktivistin

Die 63-jährige Lubaina Himid ist Favoritin auf den Turner-Preis in diesem Jahr. Diese Skizzen entstanden in einer Hütte der Strandwache - und wurden zu Gemälden.

Der Turner-Preis sei endlich erwachsen geworden, freuten sich die britischen Kritiker in diesem Herbst. Denn der Kunstpreis, eine der wichtigsten Ehrungen weltweit, hat in diesem Jahr die Altersbegrenzung aufgehoben, nach der nur Künstler, die jünger als fünfzig Jahre sind, nominiert werden durften. Und so könnte es kommen, dass am 5. Dezember eine 63-Jährige die Auszeichnung entgegennimmt, die bislang vor allem für junge zeitgenössische Kunst aus Großbritannien stand - jedenfalls ist Lubaina Himid derzeit die Favoritin der Buchmacher.

Die Künstlerin, die in Sansibar, Tansania, geboren wurde, ist zudem schwarz und arbeitet an Themen wie Migration, Flucht, Rassismus. In der Ferens Art Gallery in Hull, wo die vier Nominierten in der Turner-Preis-Ausstellung derzeit vorgestellt werden, zeigt sie unter anderem Zeitungsseiten des linksliberalen Guardian, die sie mit Pinsel und Farbe so überarbeitet hat, dass auch subtile Vorurteile sichtbar werden. Der Fußballer Didier Drogba, der seine Hände wie eine Brille um sein Gesicht legt, ist dann plötzlich umgeben von Augenpaaren, die bedrohlich aus dem Dunkel starren.

Lubaina Himid gehört selbst der Generation von Flüchtlingen, Emigranten und Einwanderern an, die das kulturelle Leben Großbritanniens in der Nachkriegszeit prägten - vor allem auch in der Literatur und Musik. Lange hat die Szene dennoch diese strahlende Aktivistin übersehen, die in Preston, Lancashire, lebt und dort auch an der Universität unterrichtet. Eine Künstlerin, die sich dezidiert postpostkolonial gibt: In einem Interview sagte sie einmal, dass sie mit den "Geistern der Vergangenheit" einfach vernünftig umgehen wolle. Die von ihr aus Sperrholz ausgesägten, lebensgroßen und bunt lackierten Figuren nehmen die Motivik der Sklaverei durchaus auf, aber in einer - wie Himid selbst sagt - "festlichen" Art und Weise. "Ich möchte in meiner Arbeit nicht das Trauma wiederholen. Es geht vielmehr um die Sehnsucht nach Zugehörigkeit, darum, zu verstehen, wer wir als Schwarze in der Diaspora sind und wie viel wir in ganz Europa beigetragen haben zur Kultur, aber auch zum Aufbau des Reichtums der Maschine Europa."

Die Skizzen "Fool Pools", "Three Stages in the Development of Depression" und "Silk from Water", die Lubaina Himid für dieses Großformat ausgewählt hat, entstanden im Jahr 1999 während eines Arbeitsstipendiums in St. Ives an der Küste von Cornwall. Die Künstler leben dort in der Hütte der Strandwache in vergleichsweise beengten Verhältnissen. Die Zeichnungen waren dann Vorlagen für Lubaina Himids Serie "Plan B", großformatigen Gemälden, die zuletzt in Deutschland gezeigt wurden, im Badischen Kunstverein in Karlsruhe. Anja Casser, die Direktorin, hatte diese erste Retrospektive lange vor der Turner-Nominierung vereinbart. Die Figuren, Gemälde, Holzobjekte und Übermalungen sind jetzt dem deutschen Publikum fast so vertraut wie den Briten.

© SZ vom 25.11.2017

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