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Großformat:Ein Bild hat die Kraft, Menschen zu verändern

Die afrikanischen Foto-Pioniere der Sechziger pflegten noch naiven Optimismus. Der Malier Moussa John Kalapo will mit seinen Bildern die ganze Härte der Realität des Kontinents zeigen.

Von Jonathan Fischer

Dass Mali, heute eines der ärmsten Länder der Welt, im Mittelalter Zentrum einer afrikanischen Schriftkultur war, hat mit der Rettung Hunderttausender Manuskripte aus dem von Dschihadisten besetzten Timbuktu die ganze Welt erfahren. Wie aber steht es um die malische Kultur der Gegenwart? Tatsächlich strahlt nicht nur Malis Musik sondern auch die heimische Fotografen-Szene auf ganz Afrika ab. Ein Verdienst von Nachwuchstalenten wie Moussa John Kalapo.

Ursprünglich ein gelernter Buchhalter, entdeckte er seine Leidenschaft, nachdem ihm ein Freund eine billige Digitalkamera überlassen hatte. Er besuchte die Foto-Akademie "Centre de Formation en Photographie" (CFP) in Bamako, nahm mehrfach an der renommierten Foto-Biennale "Rencontres de Bamako" teil. Mit dem naiven Optimismus von Pionieren der Sechziger wie Malick Sidibé oder Seydou Keita und ihren Schwarz-Weiß-Porträts tanzender Paare haben seine Fotos allerdings wenig gemeinsam. Seine Berufung, sagt Kalapo, sei es, "die reale Situation der Menschen in Mali zu zeigen". Die Schwarz-Weiß-Porträts entstammen einer Serie über Kinderarbeit. Sie zeigen kleine Jungen, die schwere Lasten schultern. Ein altersuntypischer Ernst liegt in ihren Blicken. Ein Sich-Abfinden, das Wissen, dass sie kaum etwas an ihrer Lage zu ändern vermögen. Besonders eindrücklich ist das Bild eines etwa achtjährigen Jungen, die Schultern gebeugt, den Blick gesenkt, den der schwere Steinbrocken in seinen Armen sprichwörtlich zu Boden zieht. "In Mali müssen zwei von drei Kindern zwischen fünf und 17 arbeiten", sagt Kalapo. "Sie werden von Fremden als Haushaltshilfen beschäftigt, arbeiten für einen mageren Tageslohn, den sie an ihre Eltern abführen müssen, auf Feldern und Baustellen." Oder auch in Steinbrüchen.

Kalapo hat hier Kinder fotografiert, die den ganzen Tag große Steine mit bloßen Händen transportieren und zerkleinern müssen. Oft würden sie zudem körperlich gezüchtigt. Seine Arbeit sei ein Appell an Eltern und Öffentlichkeit: "Viele Menschen in Mali sind sich nicht bewusst, dass diese Arbeit nicht nur die Körper der Kinder irreversibel schädigen kann, sondern auch ihre Seele." Gerade in Mali, einem Land, in dem Schätzungen zufolge 70 Prozent der Bevölkerung Analphabeten sind, sagt Kalapo, habe die Fotografie eine wichtige Botschaft: "Was, wenn nicht ein Bild, hat die Kraft, Menschen zu verändern?"

© SZ vom 16.02.2019
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