Großformat:Die Dandys der Ghettos

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Der New Yorker Fotograf Camilo Vergara interessiert sich für die Viertel der Armen und Abgehängten. Doch wer arm, verrückt oder obdachlos ist, muss nicht als Schatten leben.

Von Jörg Häntzschel

Am Montag gab es in New York wieder viel Ah und Oh, als Lady Gaga, Kim Kardashian und alle anderen zur Costume Gala eintrafen, der Benefizparty des Metropolitan Museum of Art, dem Haute-Couture-Maskenball der ein Prozent. Auch ein paar Kilometer weiter nördlich, in Harlem, in der Bronx, oder weiter westlich, im heruntergewirtschafteten Newark, waren zur selben Zeit Menschen in extravaganter Aufmachung zu sehen. Allerdings fehlte der rote Teppich. Sie wanderten kaum beachtet mitten in der Menge der unscheinbaren anderen Passanten: ein verwegen sich in Pose werfender Herr in knallrotem Anzug; eine Dame, die sich ihr ebenfalls sehr rotes Outfit bei Jackie Kennedy geliehen zu haben scheint - das geht heute, auch wenn man schwarz ist und nicht mehr jung. Oder die rundliche Frau, die sich eingesponnen hat in einen Kokon aus Stoff und Mustern. Der einzige Fotograf, der ihre Auftritte festhält, ist Camilo Vergara.

Für Städte hat sich der in Chile geborene, in New York lebende 75-Jährige immer interessiert, vor allem für die Viertel der Armen und Abgehängten. Vergara ist Soziologe, und wissenschaftlich war lange auch sein Blick auf die Stadt. Eine seiner Methoden ist die "rephotography": Dabei nimmt er Straßen über Jahrzehnte immer wieder auf, um ihre Veränderung zu dokumentieren. Auf seiner Website camilojosevergara.com, aber auch auf der Website der Library of Congress sind Tausende seiner Bilder zu sehen.

Erst später begann er, sich für die Menschen zu interessieren: "Wie sie sich bewegen, wie sie sich an den Händen halten, wie sie mit ihren Kindern umgehen." Die Identität dieser Orte zu erkennen heißt auch verstehen, "wie es ist, schwarz zu sein, Latino zu sein, arm zu sein". Doch wer arm, verrückt oder obdachlos ist, muss nicht als Schatten leben. Das lehren ihn die exaltiert oder elegant gekleideten Menschen, die ihm immer wieder beim Fotografieren auffallen. Keiner von ihnen wird je zur Costume Gala eingeladen werden. Doch an mangelnder Kreativität, an fehlendem Ausdruckswillen liegt es nicht. Er nennt sie die "Dandys des amerikanischen Ghettos".

© SZ vom 11.05.2019 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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