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Großformat:Dichte denken

Ludwig Leo
(Foto: Akademie der Künste, Berlin, Ludwig-Leo-Archiv, NR. 150 PL. 5)

Ludwig Leo ist ein Mythos. Er hat kaum etwas gebaut. Ein bisher unveröffentlichter Entwurf des Berliner Architekten zeigt: Er arbeitete kompromisslos daran, die Menschen zusammenzubringen.

Wer versucht, die Architekturzeichnung von Ludwig Leo auseinanderzuklamüsern, in dessen Kopf wird es laut. Es rattert, quietscht und surrt. Denn unter der großen Kuppel passiert gerade viel: Ein Wagen liefert auf Schienen etwas an, von oben werden Lasten abgeseilt, Menschen sitzen geschäftig an geheimnisvollen Geräten, und ein dichtes Liniennetz verbindet alles. Nur was das genau sein soll, was da so im engen Austausch miteinander steht, das ist bei dieser dichten Überlagerung von etwa einem halben Dutzend Ebenen nur schwer zu entziffern.

Bei diesem bisher unveröffentlichten Blatt aus dem Jahr 1985/1986 handelt es sich um den Entwurf für ein technisches Mehrzweckgebäude der Universität Kassel. Ludwig Leo, der 2012 mit 88 Jahren starb, hatte damit bei dem hochkarätigen Wettbewerb für eine riesige Experimentierhalle teilgenommen und nicht gewonnen - wie so oft. Der Berliner Architekt, den der Publizist und Stadtplaner Dieter Hoffmann-Axthelm einmal den "einzigen deutschen Architektenmythos der Nachkriegszeit" nannte, hat nur wenig gebaut, trotzdem gilt er vielen Architekten als Idol. Im nächsten Jahr soll endlich die erste ausführliche Publikation über Ludwig Leo - die Dissertation des Kunsthistorikers Gregor Harbusch - erscheinen.

Was Leo so spannend macht, ist, dass er nicht nur auf seinen Skizzen die Ebenen überlagerte, sondern auch die Funktionen. So versuchte er Dichte zu erzeugen, um die Menschen zusammenzubringen. "Im engen Treppenhaus müssen die Leute nett zueinander sein", lautet ein Bonmot von Leo, der verstehen wollte, wie eine Gesellschaft in einem Gebäude funktionieren kann. Er war überzeugt, dass er mit jedem Projekt etwas verändern kann, dass aber auch jede Aufgabe von Grund auf neu gedacht werden muss. Kompromisse gab es für ihn nicht, dafür den Mut, mit Materialien und Technologien zu experimentieren. Der Berliner Umlauftank ist ein Beispiel dafür. Seine rosarote Haut aus Polyurethanschaum gehört zu Berlin wie der Fernsehturm.

© SZ vom 18.11.2017

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