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Großformat:Das Telegramm­ zur Autopanne

Als Ulrike Meinhof noch Redakteurin der Zeitschrift konkret war, wünschte sie sich ein Titelbild des Berliner Künstlers John Heartfield. Doch dann kam alles ganz anders.

Im August 1960 erhielt John Heartfield Post aus Hamburg. Der maschinengeschriebene Brief trug das Logo der Zeitschrift konkret im Kopf, unterzeichnet war er mit "Ihre Ulrike Marie Meinhof". Die Absenderin, damals Redakteurin der Zeitschrift, hatte eine Bitte: "Wäre es möglich, dass Sie einmal ein Titelbild für uns machen? Vielleicht ist diese Bitte ein Griff nach den Sternen, aber Sie werden gewiß Verständnis dafür haben, dass ich sie ausspreche." Die Bitte war mit einer Selbstauskunft verbunden: "Für den Fall, dass Ihnen unsere Zeitschrift nicht näher bekannt ist, gehen Ihnen mit gleicher Post einige Probeexemplare zu. Unsere Hauptleserschaft sind Studenten westdeutscher Universitäten."

Koennen Termin nicht einhalten: Ulrike Meinhof informiert per Telegramm John Heartfield von ihrer Autopanne. Der rote Aufkleber am Telegramm gehört zum Orginal und nicht zur Ausrüstung des Fotografen.

(Foto: Rolf Walter, Archiv der Akademie der Künste Berlin)

John Heartfield, der 1891 als Hellmuth Joseph Stolzenberg in Schmargendorf bei Berlin geboren wurde und im Ersten Weltkrieg aus Protest gegen die Englandfeindlichkeit einen englischen Namen angenommen hatte, war in der Weimarer Republik mit seinen satirischen Fotomontagen erfolgreich gewesen. 1950 war er aus dem Londoner Exil nach Deutschland zurückgekehrt, zunächst nach Leipzig, seit 1956 lebte er in Ostberlin. Einblicke in sein Leben in der frühen DDR gibt das Adressbuch im Format Din A 5, das er gemeinsam mit seiner Frau Gertrud geführt hat. Es ist in seinem Nachlass im Archiv der Berliner Akademie der Künste erhalten, eine eher einfache Kladde, mit blauer Schrift. Darin ist die Privatadresse der Briefschreiberin und ihres Ehemannes vermerkt: "Claus Rainer Röhl Ulrike Marie Röhl, geborene Meinhof Hamburg 22 Lessingstraße 7."

Adressbuch des Künstlers John Heartfield.

(Foto: Rolf Walter, Archiv der Akademie der Künste Berlin)

Anfang Dezember 1960 kündigte Ulrike Marie Meinhof in einem weiteren Brief an, sie und "Herr Röhl" planten einen Besuch in Berlin, und bat um eine telefonische Terminvereinbarung. Der Brief lässt implizit erkennen, dass Heartfield ihr zuvor geantwortet und prinzipiell die Zusammenarbeit zugesagt hatte. Die Reise nach Ostberlin fand dann erst im Januar 1961 statt. Sie scheiterte schon in Hannover. Per Telegramm, das am 17. 1. um 13.32 übermittelt wurde, erhielt Heartfield die Nachricht: "Autopanne Koennen Termin Nicht Einhalten." Es wurde nichts aus dem Heartfield-Titelbild für konkret.

Seite im Adressbuch des Künstlers John Heartfield, das auch die Adresse von Ulrike Marie Röhl, geb. Meinhof auflistet.

(Foto: Rolf Walter, Archiv der Akademie der Künste Berlin)

John Heartfield war wie viele Emigranten, die aus dem Westen zurückkehrten, in den Jahren nach 1950 heftigem Misstrauen ausgesetzt gewesen, sogar "verräterischer Verbindungen" zu westlichen Geheimdiensten verdächtigt worden. Erst 1956 war er Mitglied der Akademie der Künste (Ost) geworden. Er starb am 26. April 1968 in Ostberlin, gut zwei Wochen, nachdem in Westberlin Rudi Dutschke Opfer des Attentats geworden war, das die Attacken auf den Springer Verlag auslöste und die konkret-Redakteurin Meinhof den Artikel "Vom Protest zum Widerstand" schreiben ließ. Und zwei Jahre bevor Meinhof in den Untergrund ging.

Es ist ungewiss, ob die staatlichen Organe der DDR im Jahr 1961 ein Titelbild von John Heartfield für konkret mit Wohlgefallen betrachtet hätten. Dass die Zeitschrift von der DDR finanziell unterstützt wurde, konnte John Heartfield nicht wissen. Denkbar ist, dass wegen dieser Unterstützung den DDR-Behörden eine Verbindungslinie zwischen konkret und einem Ostberliner Künstler eher ungelegen gekommen wäre. Die Autopanne wäre dann gelegen kommen.

© SZ vom 14.03.2020
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