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Großformat:Bloß nicht ernst nehmen!

Das Grips-Theater wird 50 und ist immer noch nicht erwachsen. Und das ist gut so.

Als das Grips-Theater vor einigen Jahren mal wieder in Geldnöten war, weil sich Berlin zwar gerne mit der Erfindung eines antiautoritären Kinder- und Jugendtheaters schmückt, es aber nicht auskömmlich finanziert, kam Unterstützung von unerwarteter Seite. Die Tochter des Schauspielers Lars Eidinger bot an, dem Theater mit ihrer Kinderbande zur Hilfe zu kommen. Ihr Vater, aufgewachsen in Berlin, war selbst als Kind und Jugendlicher Stammgast im Grips.

Eidinger unterstützte das Theater mit einer Benefizvorstellung. Sein Publikum war immer die größte Lobby des vom Regisseur, Lieddichter, Dramatiker und Mutmacher Volker Ludwig vor genau 50 Jahren gegründeten Theaters "für Menschen zwischen acht und 80", in dem Polizisten, Lehrer, Vermieter, Politiker und Chefs aller Art vor allem dazu da sind, nicht zu ernst genommen zu werden. Während die Berliner CDU schweren Kommunismusverdacht hegte und das Theater am liebsten dichtgemacht hätte, wurde es zum gut gelaunten Kulturexportschlager. Lange war Volker Ludwig mit seinen in rund 40 Sprachen übersetzten Stücken weltweit der meistgespielte deutsche Gegenwartsdramatiker, mal vor, mal nach Brecht.

In Indien begründeten die Grips-Gastspiele seit den Achtzigerjahren sogar ein eigenes Theatergenre, das "Grips Movement", 1989 gründeten indische Theatermacher in Mumbai das "Grips Theatre Pune". Ludwigs Erfolgsstück "Linie 1" wurde gleich in mehrere indische Dialekte übersetzt. Der südkoreanische Regisseur Kim Min-ki versteht sein Hakchon-Theater als ein "Grips Seoul". Das große Bild zeigt ein Plakat aus dem Jahr 2009. Rechts daneben (oben): eine Hongkong-Grips-Variante aus dem Jahr 1980.

In Seoul wurden aus den Wilmersdorfer Witwen des Berliner Originals von "Linie 1" allerdings Diktatorenwitwen. Auch in Litauen wird "Linie 1" gespielt, dort sind die Wilmersdorfer Witwen Altstalinistinnen. Ludwigs Stücke und Pointen, der direkte Grips-Stil funktionieren wie die Komödien Molières universell. Und viele Grips-Hits wie "meine Eltern sind geschieden, denn sie waren zu verschieden" stimmen wohl auf der ganzen Welt.

© SZ vom 08.06.2019

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