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Großer Kunstpreis:Der Allesandersmacher

Frank Castorf

Künftig als Theaternomade unterwegs: der scheidende Volksbühnen-Intendant Frank Castorf.

(Foto: Tobias Hase/dpa)

Frank Castorf wurde in Berlin mit dem Großen Kunstpreis ausgezeichnet. Was die übliche Bedeutungssimulation unter Künstlerkollegen hätte werden können, glückte dann aber vor allem auch wegen der Laudatio von Ulrich Matthes.

Von Peter Laudenbach

Preisverleihungen sind Rituale der Statusversicherung. Diese Selbstgespräche des Kulturbetriebs könnten bösartige Beobachter für Bedeutungssimulationen halten, für die Beteiligten sind es Gesten der Hochachtung jenseits des Markterfolges. Das gilt erst recht bei Auszeichnungen wie dem Kunstpreis des Landes Berlin, den die Berliner Akademie der Künste jedes Jahr zur Erinnerung an die bürgerliche Revolution 1848 verleiht. Hier entscheiden nicht Kritiker oder Funktionäre, sondern Künstler darüber, welche ihrer Kollegen sie ehren wollen.

Nun erhielt am vergangenen Freitag im großen Saal der Akademie Frank Castorf den mit 15 000 Euro dotierten Großen Kunstpreis. Man konnte auf kleine Störungen der Preisverleihungsdramaturgie gespannt sein, schon weil der Preis vom Regierenden Bürgermeister Michael Müller überreicht wird. In seiner Zweitfunktion als Kultursenator hat Müller im letzten Jahr die Nicht-Verlängerung von Castorfs Vertrag als Intendant der Berliner Volksbühne entschieden. Das war ein Rauswurf, der nicht nur im Theater als Affront empfunden wurde.

Castorf war allerdings zu souverän, um während der Preisverleihung darauf einzugehen: gar nicht erst ignorieren. Das ist natürlich auch eine Antwort, die in ihrem achselzuckenden Gleichmut gegenüber den Niederungen der Berliner Kulturpolitik deutlich ist.

Die Störung der Routine erfolgte auf andere Weise, nämlich durch Ernsthaftigkeit. In seiner assoziativen Dankesrede, die von Schiller bis Lenz und von Wagner bis Bakunin mancherlei bedachte, tauchten auch Bert Neumann und die gemeinsame Zeit an der Volksbühne auf; oder auch Carl Schmitts Theorie des Partisanen sowie die Verachtung für einen lauwarmen Demokratiebegriff. Der Anarchist Castorf blieb sich nichts schuldig.

Eher grob skizziert, als im Feinschliff veredelt

Ulrich Matthes, der als Direktor der Akademie-Sektion Darstellende Kunst durch den Abend führte, nutzte seine Laudatio auf Castorf, um prinzipiell über dessen Theater nachzudenken. Statt die bei solchen Gelegenheiten üblichen Elogen aneinanderzureihen, gab Matthes zu Protokoll wie fremd, nervend, gelegentlich auch "albern" und "langweilig" ihm Castorfs Theater des Exzesses in den ersten Volksbühnen-Jahren vorkam. Von den feinen Nuancen der psychologisch-realistischen Figurenerkundungen, für die Matthes als Schauspieler steht, sind Castorfs Künste der Entäußerung und der eher grob skizzierten als im Feinschliff veredelten Szenen denkbar weit entfernt.

Vor dem Hintergrund dieses so deutlich als unterschiedlich markierten Theaterverständnisses konnte Matthes erklären, in seinen Augen sei Castorf ein Künstler vom "Rang eines Picasso", jemand, der in seiner Kunst alles verändert hat: "Ich bin tatsächlich auf eine mich selbst überraschende Weise davon überzeugt, anders zu spielen oder anders spielen zu können, weil es die Arbeit von Frank Castorf gibt."

Das ist kein Routine-Kompliment, es ist, gerade von einem künstlerischen Antipoden, auch mehr als eine Liebeserklärung voller Verehrung. Es ist vielleicht einfach die Wahrheit.

© SZ vom 21.03.2016

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