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Großbritannien:Schlafen und Schwafeln

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Rachel Cusk, geboren 1967 in Kanada, lebt in Großbritannien.

(Foto: P. Normand/Opale/Leemage/laif)

Von männlichen Verhaltensweisen, weiblichen Verletzungen und den Eigenarten des Literaturbetriebs, der so oft ernüchternd ist für Schriftsteller: Mit "Kudos" schließt Rachel Cusk ihre Romantrilogie ab.

Von Meike Fessmann

Die Reise im Flugzeug war einmal ein großes Abenteuer, inzwischen ist sie eine beinahe profane Fortbewegungsart. Nicht zuletzt der billigen Tickets wegen ist sie alltäglich geworden, wie die Reise im Zug oder Bus. Und doch gibt es beim Einsteigen in ein Flugzeug den Moment, in dem einem bewusst wird, dass man mit den anderen Fluggästen eine Schicksalsgemeinschaft bildet.

Dass es mit dieser Raum- und Zeitkapsel etwas Besonderes auf sich hat, schilderte Thomas Lehr letztes Jahr in einem Kapitel seines fulminanten Romans "Schlafende Sonne" und auch, wie diese besondere Sphäre mit dem Einschalten der Smartphones nach der Landung erlischt. Die autorin und Übersetzerin Christina Viragh ließ mit "Eine dieser Nächte" einen ganzen Roman auf einem Langstreckenflug von Bangkok nach Zürich spielen.

Rachel Cusk beendet mit "Kudos" ihre Trilogie über die Strapazen weiblicher Lebensläufe unter dem Druck dauernder Überbeanspruchung. Wie schon den ersten Band beginnt sie den letzten mit einer Szene der ungewollten Intimität im Flugzeug. In "Outline" wurde ein klein gewachsener Mann, Erbe einer Reeder-Dynastie, auf dem Flug nach Athen vor lauter Flugangst von Logorrhö übermannt.

Im Reden der anderen gewinnt die Zuhörerin Kontur und die Figuren werden plastisch

Dieses Mal gerät Faye, das Alter Ego der Autorin, an einen Sitznachbarn mit einem anderen Problem. Der ehemalige Unternehmensberater, der sich mit 46 Jahren zur Ruhe gesetzt hat, ist sehr groß und maßlos übernächtigt. Sie überlässt ihm ihren Gangplatz. Aber kaum sitzt er, sackt ihm das Kinn auf die Brust, die langen Beine blockieren den Gang. Mehrmals wiederholt sich das Spiel: die Flugbegleiterin bittet ihn, die Beine einzuziehen, er diskutiert ein wenig, rafft sich auf, und schon überwältigt ihn der Schlaf wieder, sein Körper macht sich selbstständig. Da helfe nur eines, erklärt er zu Faye, er müsse erzählen, um wach zu bleiben: Gerade habe er den an Krebs erkrankten Familienhund getötet. Der hieß Pilot, war so riesig wie er selbst, und eine Art Stellvertreter. Wo immer er selbst auf der Welt unterwegs war, Pilot beschützte die Familie, womöglich war er sogar das "wichtigste Familienmitglied", so dämmert ihm jetzt.

Faye hört sich das alles an, hin und wieder wirft sie eine Kleinigkeit ein. Es ist die starke Präsenz ihres Zuhörens, das andere zu "Spitzenleistungen der Selbstoffenbarung" treibt. So werden auch die Figuren der Schriftstellerin Faye charakterisiert, von einem Journalisten auf dem Literaturfestival, zu dem sie unterwegs ist.

Die 1967 in Kanada geborene Britin Rachel Cusk hat mit ihrer Roman-Trilogie eine spezielle Erzählweise entwickelt, stark autobiografisch, aber so, dass sie selbst vor allem darin kenntlich wird, wie sie andere wiedergibt. Eine seismografische Schreibweise, die trotz aller Verwicklungen gut lesbar ist. Im Reden der anderen gewinnt die Zuhörerin Kontur und auch die Figuren werden plastisch. Das erinnert an Nathalie Sarraute oder Virginia Woolfe und ist doch eigenständig, dem Ping-Pong des modernen Liebes-Chaos angemessen, in dem es keine Sicherheiten gibt.

Rachel Cusk hat mit diesem Stil auf Angriffe reagiert, denen sie nach zwei autobiografischen Büchern über das Muttersein und die Scheidung von ihrem ersten Mann ausgesetzt war ("A Life's Work: On Becoming a Mother", 2001, "Aftermath: On Marriage and Separation", 2012). Mittlerweile ist sie in zweiter Ehe verheiratet, eine Tatsache, die in "Kudos" am Rande auftaucht: Ihre Gesprächspartner wundern sich darüber, dass sie nach dem Leid, von dem sie so ausführlich erzählt hat, noch einmal eine Ehe eingegangen ist.

Tatsächlich vollzieht dieser Roman eine stille Kehrtwende. Im mittleren Band der Trilogie "Transit" erzählte sie, wie sie als geschiedene Frau mit zwei Kindern in London sesshaft zu werden versuchte. Ein renovierungsbedürftiges Haus und all die Ratschläge, die sie einstürzten, wurden zum Inbild ihrer existenziellen Obdachlosigkeit. Inzwischen ist der Brexit dazugekommen. "Gehen oder Bleiben" ist nicht mehr nur eine persönliche Frage. Wo verantwortungslose Politiker die Bevölkerung aufwiegeln, um sich nach vollbrachter Tat aus dem Staub zu machen, wird sie zum Politikum. Zwar spielt der Brexit in "Kudos" nur am Rande des Literaturfestivals eine Rolle. Aber er ist der Hintergrund, vor dem sich die Versuchsanordnung der 2014 und 2016 im Original erschienenen ersten Romane verändert hat.

Auch darin gab es Zweifel, ob Trennung die bessere Option ist - auf privater Ebene. Nun berichten Frauen von ihren Erfahrungen: Die Männer haben die besseren Anwälte, sie setzen die Kinder skrupelloser als Erpressungsmittel ein und verlassen sich darauf, dass die Mütter durchdrehen. Eine Übersetzerin, die nebenher unterrichtet, beschreibt ihren gehetzten Tag. Ihr Ex-Mann hat ihr das Auto weggenommen. Ihre Anwältin lässt sich teuer bezahlen für die Auskunft, es nütze alles nicht, er sei schließlich der Halter. Also bindet sie ihre Klassenarbeiten auf dem Sattel ihres Rades fest und strampelt sich im Stehen ab. Auf diese Idee ist sie sogar stolz.

Die Stadt, in der das Festival stattfindet, wird nicht genannt. Doch Lissabon ist leicht zu erkennen, schon weil es da einen Begriff für "Heimweh" und "grundlosen Kummer" gibt: Saudade, aber auch das wird nicht ausgesprochen. Faye fühlt sich allerdings dieser Traurigkeit näher, als dem Aktionismus des internationalen Festivals. Autoren und Autorinnen werden in immer gleichen Konstellationen zu thematischen Schwerpunkten gruppiert und von Journalisten interviewt, die am liebsten selber reden. Dass die Verbindung von "Kommerz und Literatur" eine gute Sache ist, bezweifelt sogar eine der Organisatorinnen. Der "heilige Gral", sagt der junge, aus dem Marketing kommende Verleger eines Traditionsverlags, sei die Verbindung von Verkäuflichkeit und "literarischen Werten". Man wolle sich ja nicht für seine Bücher schämen, die wichtigste Einkommensquelle seien allerdings Sudoku-Hefte.

Rachel Cusk zeichnet die Auf- und Abwertungsstrategien der Branche mit har-tem Strich. Wie eine Schriftstellerin Haltung bewahren soll, wenn ihre Lektorin sagt, Literatur lasse sich leider immer schlechter "vermarkten", die Sendezeit des Kulturformats sei soeben halbiert worden, bleibt ein Rätsel.

Warum will das Publikum aufgeführt bekommen, was doch für die Lektüre gedacht ist?

Junge Frauen, die, schlecht oder gar nicht bezahlt, in ständiger "Alarmbereitschaft" mit Klemmbrettern umherjagen, gibt es gewiss nicht nur in der Literaturbranche. Nur lässt es sich da besonders drastisch schildern, weil sich Egomanie mit rhetorischer Finesse paart. Dass die Qualität des Auftritts nichts mit dem eigentlichen "Produkt" zu tun hat, weiß jeder. Warum aber will das Publikum aufgeführt bekommen, was doch für die Lektüre gedacht ist? Arbeitserleichterung, Zeitersparnis, Unterhaltung? Geselligkeit wäre noch die sympathischste Option.

Der Roman endet mit starken Bildern. Ihre Lektorin will Faye in eine Kirche führen, deren Verwüstung durch einen Brand seit fünfzig Jahren konserviert wird. Doch die Kirche ist geschlossen. Die Sonne ist so heiß, als brenne sie in ihrer Brust. Einer ihrer Söhne ruft an, der in der Nacht zuvor einen Brand gelöscht hat, den ein Freund versehentlich ausgelöst hat. Als er Hilfe rief, kam keiner. Die Erfahrung von Kindern, die an einem "Abgrund" stehen und befürchten, da sei keiner, der sie auffängt, grundiert Cusks Romane. Ihr älterer Sohn will Kunstgeschichte studieren. Seine Interpretation von Artemisia Gentileschis Bild der "Salome mit dem Kopf von Johannes dem Täufer" macht seiner Mutter klar, dass da nicht "Mordlust" das Motiv ist, sondern die "Komplexität der Liebe".

Am Ende springt Faye ins Meer. Ein Mann schaut von einer Klippe auf sie herab. Er steht "in seiner Nacktheit da wie eine Gottheit, lächelnd und prachtvoll". Mit "bösem Entzücken" blickt er ihr in die Augen und uriniert ins Wasser. "Ich schaute in seine grausamen, fröhlichen Augen und wartete darauf, dass er fertig wurde." Das in "Outline" über den Wolken begonnene Purgatorium vollendet sich in "Kudos". Der Schutzzauber der Kunst wirkt. "Ruhm und Ehre" bedeutet der titelgebende Begriff "Kudos", auch ein Computerspiel von 2006 heißt so. Rachel Cusk hat die Rolle der verletzten Frau in allen Variationen durchgespielt. Man ist gespannt, wie es weitergeht.

Rachel Cusk: Kudos. Roman. Aus dem Englischen von Eva Bonné. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018. 216 Seiten, 20 Euro.

© SZ vom 28.08.2018

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