Süddeutsche Zeitung

Griechen in Deutschland:Getrennte Welten

  • Vier Griechen, die in Deutschland leben, sprechen in der SZ darüber, wie unterschiedlich Deutsche und Griechen die Krise betrachten.
  • Sie sprechen über Klischees, Medienberichterstattung in Griechenland und Deutschland und welche Sorgen und Hoffnungen die Situation bei ihnen auslöst.

Von Alex Rühle

Manchmal Wut, selten Verständnis in der gegenseitigen Wahrnehmung

Pleitegriechen. Nazi-Merkel. So reden Deutsche und Griechen übereinander: Voller Ressentiments, manchmal Wut, selten Verständnis. Die Deutschgriechin Margarita Tsoumou, die in Berlin das popfeministische Missy Magazin herausgibt, kennt die Klischees sehr genau. Und sie sagt im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung: "Als Griechin, die Deutschland liebt und sich mit Deutschland identifiziert, hätte ich nie gedacht, dass ich je in diese Position kommen würde, mich als der neue Sündenbock zu sehen, als 'die Griechin'. Das entsetzt mich."

Kurz vor dem Referendum hat sie sich in Berlin zum Runden Tisch der SZ getroffen mit drei weiteren Publizisten und Wissenschaftlern aus Griechenland, die in Deutschland leben - und ihr mal beipflichten, mal widersprechen.

Deutsche Zeitungen berichten nüchterner

Nicolas Apostolopoulos, Leiter des Centers für Digitale Systeme an der FU Berlin und Honorarprofessor am Fachbereich Psychologie, ist überzeugt, dass deutsche Zeitungen "insgesamt sehr viel nüchterner und objektiver berichten, deutlich mehr Fakten und auch Vergleiche bringen und auch ein bisschen auf den Rest von Europa schauen". Griechenland dagegen konzentriere sich auf sich selbst und den "vermeintlichen Hauptfeind" Deutschland.

Wie also reden, wenn man miteinander redet? Tja, schwierig. Alexander Kritikos, Forschungsdirektor am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin, erlebt Interviews mit deutschen und griechischen Medien jedenfalls als Begegnung völlig getrennter Welten: "Ich werde in jedem deutschen Interview gefragt: Was denkt Varoufakis wirklich? Wie tickt dieser Tsipras? In jedem griechischen Interview kommt dann die Frage: Was geht bloß in Herrn Schäuble vor und unterscheidet er sich von Frau Merkel?"

Als das Diktiergerät aus ist, werden Sorgen und Hoffnungen offenbart

Und jetzt, wie geht es weiter? Was passiert nach der Schicksalswahl am Sonntag? Als das Diktiergerät schon ausgeschaltet ist, schieben sie ihre Sorgen und Hoffnungen nach: Margarita Tsoumo die Angst, dass arbeitslose Jugendliche sich radikalisieren, dass "uns Europa um die Ohren fliegen wird". Aber wenigstens könnte ein "Nein" dazu führen, "dass der Weg für die Geschichte offen bleibt".

Und Konstantin Kosmas, Koordinator des Centrums Modernes Griechenland an der FU Berlin findet das Referendum ohnehin antidemokratisch: "Ich fürchte, dass als Nächstes die Gelder der Banken beschlagnahmt werden, um die Zahlungsverpflichtungen einzuhalten. Das könnte zu Gewaltszenen führen, die ich mir nicht ausmalen möchte."

Nur der Ökonom Kritikos gibt sich optimistisch. Vielleicht werde in das Referendum am Sonntag einfach zu viel hineininterpretiert und Griechenland werde sich einfach in den nächsten Jahren reformieren.

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