Gratulation Der Chefregisseur

Ein Triebtäter der Opernregie weltweit: Harry Kupfer.

(Foto: Matthias Hiekel/dpa)

Er ist ein Weltreisender des Musiktheaters und der erfindungsreichen, modernen Opernregie: Harry Kupfer wird 80 Jahre alt.

Von Wolfgang Schreiber

Noch zu tiefer DDR-Zeit debütierte der Opernregisseur Harry Kupfer in Bayreuth - als Mann, der aus dem Osten kam. An Berlins Komischer Oper, dem Hort des realitätsnahen Musiktheaters in der Felsenstein-Nachfolge, war Kupfer künstlerischer Leiter, der "Chefregisseur" - ein eigens für ihn geschaffener Titel. Aber Wagner-Regisseur in Bayreuth, das war etwas Besonderes: Sein "Fliegender Holländer" entfachte 1978 auf dem Grünen Hügel Regietheaterstreit, Protest und Triumph. Wagners frühe Erlösungsoper hieß hier mehr: Sentas Psychosen. Mit Bildern aus dem Kopf einer Traumatisierten.

Zehn Jahre später inszenierte Kupfer auf dem Grünen Hügel den neuen "Ring", mit Daniel Barenboim am Pult. Laserstrahlen rasten über die Bühne und ließen eine technisierte Wunderwelt entstehen, Deutungsfuror und Emotionsgehabe um wilde Götter und rabiate Helden erzeugten erneut Debatten um die Wagnerheilslehre.

Ein gesamtdeutscher Vorzeigekünstler war Harry Kupfer damals, der, wie die Sänger Peter Schreier und Theo Adam, vom DDR-Staat Reisefreiheit erhalten hatte, durchaus zum kulturellem Renommee Ostdeutschlands. Es kam die deutsche Einheit, die Kupfer von seinem Drang zum Opernrealismus nicht abbringen konnte. Jetzt wuchtete er, wieder mit Barenboim, alle zehn Hauptwerke Richard Wagners auf die Bühne der Berliner Staatsoper. Seine reflektierte Regie- und Deutungsarbeit ließ er nun vielen Opernhäusern des In- und Auslands angedeihen. Zusammen mit Krzysztof Penderecki verfasste er das Libretto zu dessen Oper "Die schwarze Maske" und inszenierte sie 1986 bei den Salzburger Festspielen.

Handwerkliche Souveränität hatte Kupfers Ruhm begründet. Der am 12. August 1935 in Berlin geborene Künstler studierte in Leipzig Theaterwissenschaft und ging sofort in die Praxis, mit 23 Jahren inszenierte er seine erste Oper, in Halle Dvořáks "Rusalka". Bald war er Oberspielleiter in Stralsund, danach in Chemnitz, damals Karl-Marx-Stadt. Es folgten Engagements in Weimar und, als Operndirektor, in Dresden, dann die Arbeit als Berliner Chefregisseur, die erst 2002 endete. Im selben Jahr erhielt er das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern.

Kupfer blieb bis ins fortgeschrittene Alter der Triebtäter der Oper. Noch im letzten Sommer brachte er, szenisch detailliert ausgetüftelt, den "Rosenkavalier" von Richard Strauss bei den Salzburger Festspielen heraus, der in einer Woche dort wieder gezeigt wird - nächstes Jahr an der Mailänder Scala. London, Amsterdam und Tokio, Helsinki, San Francisco und Sidney, Tel Aviv und Zürich, Moskau, Frankfurt, Hamburg, Wien, Berlin - er war und ist der Weltreisende des Musiktheaters. Man spricht von 180 Inszenierungen: Händel, Mozart und Wagner, Strauss und Puccini, Schönberg und Britten, Raritäten unbekannterer Komponisten. Auch Musicals hat er sich vorgeknöpft.

Akribisches Handwerk, Musikalität, zuweilen ungeahnte Interpretationsideen, das sind Merkmale seiner Kunst. Immer wieder verblüfft es, wie individuell Kupfer die Sänger führt, Chormassen auf der Bühne in lebensnahe Gruppierungen verwandelt. Etwa an der Bayerischen Staatsoper in Aribert Reimanns "Troades" oder Tschaikowskys "Jungfrau von Orleans".

In Erinnerung bleiben auch seine "Meistersinger" in Amsterdam, mit verblüffendem Finale: Beckmesser, der kläglich gescheiterte Meister, wird auf der Festwiese vom Volk verhöhnt und von der Bühne gejagt. Kupfer entdeckt etwas anderes: Beckmesser wird bei ihm rehabilitiert, er hat an Einsicht gewonnen, hat die Vorzüge der kreativ freien statt der regelpedantischen Meisterehre verinnerlicht. Und so wird er in der Schlussansprache des Hans Sachs, dem er beseligt gratuliert, zu dessen wahrem Zunftkollegen. Gratulieren dürfen auch wir heute Meister Kupfer zum 80. Geburtstag.