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Graphic Novel:Im Zeichen der Mega-Laus

Vladimir Sorokins neueste Groteske "Das weiße Quadrat" ist dem seit inzwischen mehr als einem Jahr unter Hausarrest stehenden Theaterregisseur Kirill Serebrennikow gewidmet.

Dem in Russland inhaftierten Theaterregisseur Kirill Serebrennikow ist das neue Buch von Vladimir Sorokin gewidmet. Serebrennikow steht seit mehr als einem Jahr unter Hausarrest, ihm wird vorgeworfen, staatliches Fördergeld in Millionenhöhe unterschlagen zu haben. Der Regisseur streitet alles ab.

Ein Theaterregisseur ist es auch, der in "Das weiße Quadrat" Russland mit einer Laus vergleicht: "Der Kopf mit den Pedipalpen lagert irgendwo an der belorussischen Grenze, in der Gegend von Tschop, der Hintern hängt bei Sachalin überm Stillen Ozean". Eine Illustration des Zeichners Ivan Razumov zeigt, wie dieser monströsen Mega-Laus zudem Blut aus dem Maul suppt, das über den eurasischen Kontinent rinnt. Da hält es das Fernsehpublikum, dem der Regisseur seine nicht sonderlich leckere Idee präsentiert, doch lieber mit der lieblichen Irina, die Russland mit einem Lied aus der Kindheit vergleicht. Beide sitzen sie, gemeinsam mit einem Soldaten und einem Unternehmer, in der Fernsehshow "Das weiße Quadrat" um ein ebensolches, einen weißen Tisch. Alsbald wird er sich in eine Art Operationstisch verwandeln. Blut wird nicht nur bildlich fließen, ein Showmaster wird gehäutet, die Haut aufgerollt und zu einem Ring gebunden werden. Dieser Ring geht dann, als wären wir bei Tolkien, auf Wanderung. Allerdings steht Sorokins Ring nicht für die Macht, er landet ganz prosaisch in der tiefsten Provinz und zwar im Suppentopf.

Drogenexzesse im Medium der Volksdroge Fernsehen. Die assoziativen Wege sind bei Sorokin kurz.

(Foto: Aus dem besprochenen Band)

Sorokin liebt die Gegensätze, gerade weil er dann zeigen kann, wie sie doch immer miteinander verbunden sind und wie das eine aus dem anderen hervorgeht: Das Quadrat und der Ring, die glitzernde Hauptstadtwelt und graue Steppe, das Fernsehen als Droge für die Massen und die reale, den Talkshow-Gästen injizierte und sie mordlüstern stimmende Droge. Nicht zufällig steht das Wort Quadrat, wie Kerstin Holm bemerkt hat, im russischen Drogen-Jargon auch für "Dosis".

Vladimir Sorokin: Das weiße Quadrat. Mit Zeichnungen von Ivan Razumov. Aus dem Russischen von Christine Körner. Ciconia Ciconia Verlag, Berlin 2018. 172 S., 28 Euro.

Plastisch bis plakativ ist Sorokins Erzählung, seine Vorliebe fürs Groteske und Grelle altvertraut und durch die vor einem Jahr im Verlag Ciconia Ciconia ebenfalls bibliophil verlegte Erzählung "Pferdesuppe" bereits zu schönster Anschauung gebracht. Yaroslav Schwarzstein hatte für seine "Pferdesuppe"-Illustration kräftige, ja triefende Farben gewählt und so den Worten noch zusätzlich Nachdruck verliehen.

Ivan Razumovs Zeichnungen für "Das weiße Quadrat" sind da weitaus verhaltener: schwarz-weiß mit einem schon ins Ocker reichenden Rotton als gelegentlichem Farbtupfer, viele Schraffuren statt satter, geschlossener Farbflächen. Sieht man einmal ab von der imposanten, sich über eine Doppelseite erstreckenden Laus, unterläuft Razumov die Abgründigkeit des Sorokinschen Textes eher, als dass er sie eine Stufe weiterdreht. Das mag angemessen erscheinen in einer Welt, in der die absurdesten Fantasien in den vergangenen Jahren doch immer wieder von der Wirklichkeit übertrumpft wurden. An diesem Mittwoch begann unter Ausschluss der Öffentlichkeit am Moskauer Stadtgericht der Prozess gegen Kirill Serebrennikow .

© SZ vom 18.10.2018

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