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Graphic Novel:Gesunkene Schiffe kommen aus den Wellen

Verkehrt Welt in Henning Wagenbreths "Rückwärtsland"

Von Michael Schmitt

Fantasie gegen die Ernüchterungen des Alltags auszuspielen, das ist die Macht der Kunst. Was der gesunde Menschenverstand nicht akzeptieren möchte, machen Geschichten vorstellbar. Eine Kindheitserinnerung reicht dazu als Anstoß - etwa die, von der Henning Wagenbreth in einem Gedicht erzählt: Es handelt davon, dass man eine Filmrolle rückwärtslaufen lassen kann, um die Urlaubserinnerungen, die darauf gebannt sind, noch einmal, aber eben von der letzten bis zur ersten Minute genießen zu können. Vielleicht nur amüsiert von dem ungewohnten Gezappel, womöglich aber auch, um sich alles noch einmal ganz anders anzuschauen. Als Kind hat der Künstler sich gefreut, wenn sein Vater mit dem Projektor und der Zelluloidrolle gespielt hat - als Illustrator und Autor hat er daraus die Idee vom "Rückwärtsland" entwickelt.

Alles auf Anfang ist die Devise in jeder der kurzen Geschichten, alles wird zu seinem Ursprung zurückgedreht, Ursache und Wirkung werden außer Kraft gesetzt. Das ist Kinderspiel und große Kunst in einem, pointiert gereimt und illustriert in Episoden von einer Seite Länge, die mal vom Alltag und mal von großen Erschütterungen handeln, in denen sich aber alles wieder zusammenfügt, was normalerweise eher aus dem Ruder läuft.

Einmal umdrehen und schon sind Wünsche erfüllt, ehe sie geäußert werden; gesunkene Schiffe kommen aus den Wellen hervor und finden sicher zum Hafen. Menschen stehen vom Operationstisch auf, lassen sich auf der Straße unter ein fahrendes Auto schieben und kommen anschließend sicher auf der Straßenseite an, die sie erreichen wollen. Wo Granaten explodieren, wachsen Häuser aus dem Boden, wo geschossen wird, kehren Tote ins Leben zurück. Wer wäre nicht gerne mit von der Partie in so einer verkehrten Welt?

In Henning Wagenbreths "Rückwärtsland" gibt es viel zu lachen, aber auch manches zum Nachdenken, denn es werden nicht einfach nur Wörter und Geschichten rückwärts gelesen. Jedes Bild und jeder Vers ist, präzise gearbeitet, eine kleine Herausforderung an das routinierte Funktionieren unseres Gehirns, jede Seite leistet ein klein bisschen Widerstand gegen den Schlendrian des Gewohnten. Mehr kann niemand von einem guten Buch verlangen.

Henning Wagenbreth: Rückwärtsland. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2021.36 Seiten, 25 Euro.

© SZ vom 21.05.2021
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