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Graphic Novel:Eine Comic-Anthologie über Sex

(Foto: Verlag)

Eine der aufregendsten Publikationen der deutschsprachigen Comic-Szene trägt den Titel "Spring". Ist die Jahreszeit gemeint oder soll das eine Aufforderung sein? Beide Lesarten passen. Die Anthologie, die seit 2004 jährlich erscheint und stets einem bestimmten Thema gewidmet ist, wird ausschließlich von Zeichnerinnen gestaltet. Dazu, dass die Neunte Kunst hierzulande nicht mehr nur als eine Männersache angesehen wird, hat "Spring" entscheidend beigetragen. Eine Chefredaktion gibt es nicht; Entscheidungen fallen basisdemokratisch im Kreis der Frauen, die mit dem Projekt assoziiert sind. Nach zwei Ausgaben zu den Themen "Zukunft" und "Arbeit" dreht sich im aktuellen "Spring" alles um Sex (Mairisch Verlag, 24 Euro).

Mit den handelsüblichen pornografischen Comics hat der Band, zum Glück, nicht das Mindeste zu tun. In einigen Beiträgen stehen Lust und Liebe im Zentrum, in anderen Gender-Fragen. Die großartige Stephanie Wunderlich deckt beide Aspekte ab. In "Enden als jungfräulicher Freak" erzählt sie von pubertären Ängsten im Zusammenhang mit dem eigenen Körper und von dem Schock, den das erstmalige Betrachten von Porno-Heften in ihr auslöste, als sie zwölf Jahre alt war. Für "Adult Corner" dagegen hat sie diverse Kopulationsszenen aus YouPorn in ihren elegant-humoristischen Scherenschnitt-Stil übertragen; das schaut wie eine Kreuzung des späten Matisse mit Ostblock-Graphik aus.

An pornografischer Deutlichkeit fehlt es nicht; vulgär und peinlich wird es dennoch nie. Doris Freigofas feiert in "Overflow" Orgasmus und weibliche Ejakulation; Nina Pagalies setzt unter Vulva-Porträts Volksweisheiten aus aller Welt, darunter aus Katalonien: "Die See beruhigt sich, wenn sie die Vulva einer Frau sieht." Aisha Franz schildert in "Gender Traffic" die Geschichte eines Flirts mit konsequent verkehrtem Rollenverhalten; keine ganz frische Idee, aber so witzig umgesetzt, dass es erhellend wirkt. Sehr schön ist auch "001" von Jul Gordon. In lakonisch-sehnsuchtsvollen Sätzen berichtet eine Frau von einer leidenschaftlichen Urlaubsaffäre. Zu sehen sind jedoch nur ganzseitige Zeichnungen einer menschenleeren, kaum möblierten Wohnung. Wer diese Story liest, muss sich ein eigenes Bild machen.