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Graphic Novel "Die Übertragung":Begegnungen und Trennungen

Es ist ein schönes langsames Buch, nicht vorwärtsdrängend wie die meisten Graphic Novels. Ein magischer Schimmer liegt über den Bildern, wie man ihn aus den alten Nitrofilmen kennt - der silver screen, für immer verloren, durch den harten Sicherheitsfilm, nun durch die Digitalisierung. Bei mir ist das anders, erklärt Manuele Fior, "nicht erst das Scenario und dazu dann die Zeichnungen. Die Zeichnung ist eine Art, die Geschichte zu erfinden."

Aus den Bildern heraus entwickeln sich Beziehungen und Perspektiven, die aber nie zu einer endgültigen Geschichte werden, ihre Auflösung wird suspendiert. "Mir wurde mit einem Mal klar", sagt Antonioni, "dass die Unbewusstheit, mit der der Film entsteht, niemals zu irgendetwas führt, wenn ich ihr nicht Widerstände entgegensetze."

"Die Übertragung" von Manuele Fior

Dora in "Die Übertragung". Ein magischer Schimmer liegt über den Bildern, wie man ihn aus den alten Nitrofilmen kennt.

(Foto: © Manuele Fior & avant-verlag 2013)

Die Menschen sehen manchmal cool und verführerisch aus in diesem Buch, manchmal eher hilflos in ihrer Knautschgesichtigkeit. Wenn Raniero und Dora schließlich ins Bett gehen, gibt es seitenlang Schwarzfilm.

Ein Zirkel bringt dann die Sache auf den Punkt. Ein manuelles Handwerkszeug aus der Vorcomputerzeit, zweischenklig, das nun Lustinstrument ist. Überstürzt verlässt Dora danach das Haus, irrt durch die Nacht. Eine Psychoanalyse kann nie wirklich ein Ende finden. Die Konsequenz modernen Erzählens hat nichts mehr mit Determination oder Schicksalshaftigkeit zu tun. Seine Materie sind Begegnungen und Trennungen, entrevues. Es bewegt sich zwischen den Blicken.

Manuel Fior: Die Übertragung. Graphic Novel. Deutsch von Claudia Sandberg. Avant-Verlag, Berlin 2013. 176 Seiten, 24,95 Euro.

© SZ vom 19.06.2013

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