Graphic Novel "Die Übertragung" Im Fluss des Erzählens

Es ist das Jahr 2048, die Menschen haben Lust auf neue, revolutionäre Erfahrungen: Manuele Fiors Graphic-Novel-Meisterstück "Die Übertragung" erzählt vom Kommen und Gehen, Begegnungen der unheimlichen Art und der Identifikation einer Frau.

Von Fritz Göttler

Alles schon gesehen, in den Erinnerungen präsent, das ist der Eindruck, wenn man dieses Buch aufblättert. Aber alles auch wie zum ersten Mal, auf gespenstische Art und Weise fremd.

Die einsamen italienischen Vororte, die an die Städte angedockt sind wie Raumschiffe, die endlosen leeren Alleen, die durch die flachen Landschaften ziehen. Lange Zypressenreihen, Bahngleise, Pferdekoppeln, die Gestänge der Gasometer. Endlich die einsamen Häuser, in einer allzu kühlen Nachkriegsmoderne errichtet, ihre abweisende Eleganz.

An einer Ecke plötzlich, grotesk deplaciert in Raum und Zeit, aus dem Dunkel herausgeschnitten durch eine kleine Lampe, ein Schrein mit einer Madonna.

Die Menschen in den Häusern, Ehepaare, keine Familien, stehen isoliert in den Zimmern, sie sprechen miteinander, ohne sich anzublicken, als wäre alles bereits einmal gesagt gewesen. Alles schon gesehen, alles so unglaublich fremdnah. "Für diese Geschichte, eine SF-Story", erklärt Manuele Fior, ein italienischer Zeichner, der in Paris lebt und Comics schafft, " hatte ich Filmbilder von Antonioni im Kopf, Bilder in Schwarzweiß, 'La notte' und 'L'eclisse', ich liebe die Atmosphären in diesen Filmen."

Die Geschichte einer Begegnung - "L'entrevue" ist der Originaltitel des Bandes - und einer "Übertragung", wenn man dem deutschen Titel folgt. Raniero ist Psychologe, er arbeitet in der Stadt, Udine.