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Graphic Novel:Alexandra Schlesnowa

Von Sonja Zekri

In Interviews schwört Alexandra Schelesnowa, dass alles, alles ernst gemeint ist, dass ihr nichts ferner liegt als eine Kritik am russischen Staat, der russischen Regierung oder, Gott bewahre!, Russland. Wie auch? Sie ist ja selbst Beamtin in Tscherepowez, einer Industrie-Stadt im Norden Russlands. Und Alexandra Schelesnowa ist das Pseudonym, unter dem sie eine Graphic Novel aus einer Industriestadt in einem Reich namens Nordland schreibt. Das Buch "Samyj tjomnyj tschas", die dunkelste Stunde, soll spätestens 2024 fertig werden. Und nach den Zeichnungen zu urteilen, die sie schon jetzt auf ihrer Seite herreisen.com präsentiert, ist dies tatsächlich nicht Russland, sondern ein düsteres, raues, aber irgendwie auch surrealistisches und ziemlich queeres Land, ein Gothic-Imperium mit Adlern und Wölfen, Fabrikschloten und Spitzbögen. Worum es geht, lässt sich nur erahnen, es gebe durchaus autobiografische Spuren in ihrem Werk, verrät die Autorin. Sie selbst spielt auf den Bildern "Herrn Eisen", einen dicken Funktionärspopanz mit Krawatte, wahlweise vor dem Dienstwagen oder zu Pferde, mit Aktentasche oder Schwert. Außerdem leiht sie ihr Gesicht auch den anderen fünf Männerrollen, den Herren Oktan, Uran, Wolfram, Lithium und Blei. Nur Frau Öl (in Pelz und Samt) spielt sie nicht, und auch die Göttin Nordlands, eine proto-wagnerianische Wuchtbrumme in sehr viel Textil und metallischer Krone, trägt nicht Schelesnowas Züge. Auf einer Zeichnung birgt Herr Eisen seinen Kopf im Schoß eines Bergarbeiters, auf einem anderen poussiert Herr Oktan mit Frau Öl, Autos brausen ins Dunkel, und um einen Tisch lungern Ritter, Bergleute und Beamte, nackte Frauen und Soldaten wie beim letzten Abendmahl. Schelesnowas Zeichnungen sind ein so lustvolles Amalgam von Fetisch und Mittelalter, klassischen Motiven und russischem Soap-Trash, dass das Wort Eklektizismus die Sache nur herunterspielt. Nordland befinde sich an der Grenze zwischen der Fiktion und dem realen Russland, sagt Schelesnowa, aber vielleicht ist das nur die halbe Wahrheit. Auf einem der Bilder liegt Herr Eisen - oder war es Herr Oktan? - auf der Couch eines Therapeuten: "Die dunkelste Stunde" spielt im zerklüfteten, ziemlich masochistischen Unbewussten Russlands.

© SZ vom 21.03.2020
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