bedeckt München 24°

Graphic Novel "3 Sekunden":Zoomfahrt in tiefere Dimensionen

Mit "3 Sekunden" lotet Zeichner Marc-Antoine Mathieu die formalen Möglichkeiten seines Genres aus. Hier zeigt sich, dass der Comic als Bildgeschichte eher dem Film als der Literatur nahekommt. Ein Experiment, das sich über weite Strecken als großartig erweist.

Soviel ist klar: Gleich wird hier ein Mord geschehen. Ein Mann hat in einem Zimmer gerade auf seinem Handy eine Nachricht erhalten. Ein anderer bedroht ihn im selben Moment von hinten mit der Pistole. Die Frau, die daneben steht, lässt vor Überraschung ihre Puderdose fallen. Der Comic "3 Sekunden" beginnt mit der prototypischen Ausgangssituation eines Krimis. Berechtigterweise erwartet man also im Folgenden Antworten auf die Fragen nach dem Motiv und der Identität aller Beteiligten. Soweit, so klassisch.

Bild aus der Graphic Novel "3 Sekunden"

Ein Zoom-Spiel: Raffinierte Spiegelungen katapultieren die Erzählung von Marc-Antoine Mathieu aus einem engen Zimmer hinaus auf die Straße, in ein Fußballstadion und schließlich hinauf in den Weltraum.

(Foto: Marc-Antoine Mathieu / Reprodukt)

Der Haken an der Sache ist: Der Leser wird auf den knapp achtzig Seiten des Buches nur über die titelgebenden drei Sekunden aufgeklärt werden; und, um die Sache noch etwas zu verkomplizieren, geschieht dies mittels eines einzigen langen Zooms, bestehend aus jeweils neun Bildern pro Seite: auf die Pupille des vermeintlichen Opfers zu, in dem sich sein Handy spiegelt, in dem wiederum der Spiegel des Zimmers zu sehen ist, der gegenüber einer spiegelnden Vase steht und so weiter.

Kafkaesk und zugleich absurd-humorvoll

Für so ein "Zoom-Spiel", wie der Untertitel des Buches lautet, braucht es einen Autor (und Leser), der Spaß an formalen Experimenten hat, einen, der über ein gerüttelt Maß an Wahnsinn verfügt. Einen wie den Franzosen Marc-Antoine Mathieu also, der bislang vor allem mit seinen fünf Bänden über einen Angestellten im "Ministerium für Humor" Bekanntheit erlangt hat.

Bedrückend kafkaesk und zugleich absurd-humorvoll war das, was dieser Julius Corentin Acquefacques, der "Gefangene der Träume", in surrealen Episoden erlebte, die in ihrer ständigen Irritation der Perspektiven an M.C. Eschers Bilder erinnerten und auch schon mal in für den Comic bahnbrechende 3D-Welten führen konnten. Doch Mathieu beließ es nie bei bloßen formalen Spielereien; stets haben seine Innovationen auch einen gemäßigt philosophischen Anspruch, der ihn die Frage nach den Prämissen unseres Lebens stellen lässt; so wenn in seinem vorletzten Buch "Gott höchstselbst" Gott sich heute als alter Mann zu erkennen gibt und ihm wegen seiner Taten der Prozess gemacht wird.

Graphic Novel "Der Boxer"

Sieg' oder stirb!