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Grandioses Soloalbum:Betörende Nähe

Greg Dulli

Musik, so intensiv wie ein Noir-Krimi, der bloß aus Verfolgungsjagden, Anschuldigungen und Liebesbeichten besteht: Greg Dulli.

(Foto: Maciek Jasik)

Für sein neues Soloalbum hätte der große alte Indierock-Existenzialist Greg Dulli endlich allen späten Ruhm verdient.

Von Max Dax

Das Video zu "Pantomima", einem Song des 1965 in Ohio geborenen Sängers Greg Dulli, ist mit großem Aufwand in Schwarz-Weiß gedreht worden. Geschildert wird eine mit großem Drill und Ehrgeiz von einem Choreografen durchgeführte Tanzprobe, bei der eine Gruppe von jungen Tänzerinnen ein Stück zu klassischer Musik einstudiert. Einige von ihnen werden unter Tränen gefeuert, der Erfolgsdruck ist spürbar. An einem Punkt heißt es: "Showtime!" - und das Bild wird farbig. Und es setzt die mitreißende Musik Greg Dullis ein, zu der die Mädchen ekstatisch tanzen.

Wenn Greg Dulli in den vergangenen 30 Jahren neue Alben seiner Bands Afghan Whigs und The Twilight Singers veröffentlichte, konnte man auf den Schallplattenhüllen immer wieder Verweise auf das Kino finden. Tatsächlich hatte jedes Album, jeder Song, den der Sänger in den vergangenen Jahrzehnten geschrieben hat, eine cineastisch-dramatische Qualität, wie man sie gelegentlich in der elektronischen Instrumentalmusik, selten aber in der Rockmusik zu hören bekommt.

Seine Shows sind oft an Emotionalität nicht zu überbieten - ohne jede Spur von Emo

In allen Songs von Dulli geht es um das Existenzielle, um Verführung, um die Sucht nach Liebe und nicht zuletzt auch um die Sucht nach Drogen. Und alle Bestandteile, aus denen sich seine Songs zusammensetzen - Aufbau, Texte, Harmoniewechsel -, hatten sich der Alles-oder-nichts-Haltung unterzuordnen. Und richtig spektakulär wird es, wenn Dulli seine Songs live spielt. In guten Nächten sind seine Shows an Emotionalität nicht zu überbieten - ohne jede Spur von Emo.

Jetzt hat Greg Dulli überraschend sein erstes Soloalbum "Random Desire" veröffentlicht. Die Mitglieder seiner Bands seien alle langwierige Verpflichtungen eingegangen, also, sagte er in Interviews, habe er sich auch eine Aufgabe gesucht. Das Ergebnis sind zehn kurze Songs, die gerade einmal knapp zwei Schallplattenseiten zu füllen vermögen. Allesamt sind sie aber so herausragend, dass man sich nicht wundern sollte, wenn dieses Album im Dezember zu den prägenden des Jahres 2020 gezählt werden wird.

Alle Songs sind sehr atmosphärisch angelegt, mit kontinuierlichem Spannungsaufbau und eingestreuten kathartischen Momenten der Spannung und erlösender Ruhe. Eingespielt hat Dulli alle Instrumente selbst, von gelegentlichen Gastauftritten üblicher Verdächtiger aus seiner langen Karriere einmal abgesehen.

Gleichwohl klingt das Album so sehr aus einem Guss, dass ein Blick auf die Machart erlaubt ist: Dulli bedient sich ausschließlich aus seinem eigenen, längst ausdifferenzierten Vokabular an Ausdrucksmöglichkeiten. Auf repetitive Klaviermelodien folgen schneidende Gitarrenkaskaden, das Schlagzeug setzt immer wieder und durchaus im positiven Sinne voraussagbar in eben jenen Momenten ein, wo eine bereits erreichte Spannung noch einmal verstärkt werden kann.

"And I so softly disappear / Like the wind / I got things to do / Before I fade away."

Dass er sich an den einzelnen Instrumenten zu seiner eigenen Limitiertheit bekennt, führt zu einer solchen Klarheit im Ausdruck und Gesamtklang, dass er seine Stimme mühelos in diese dichten Arrangements einbetten konnte. Verausgabung und Intensität liegen dabei nahe beieinander. Einen besonders betörenden und geradezu magischen Moment der Nähe erreicht Dulli, wenn er seine Stimme künstlich pitcht, also in der Tonhöhe nachträglich bearbeitet. Dieser selten angewandte und doch so wirkungsvolle Trick ist ganz deutlich im neuen Song "The Tide" zu hören, in dem Dulli die Worte "And I so softly disappear / Like the wind / I got things to do / Before I fade away" so persönlich intoniert, dass man für einen Moment zu glauben fürchtet, er würde Abschied von uns nehmen, ganz so, wie David Bowie es auf "Blackstar" 2016 so schockierend vormachte. Die bereits zitierte Songzeile "I got things to do / Before I fade away" kann aber auch als Antwort auf das Neil-Young-Zitat "It's better to burn out / Than to fade away" in Kurt Cobains Abschiedsbrief gelesen werden. Cobain wurde nur zwei Jahre nach Dulli geboren, und beide veröffentlichten Ende der Achtzigerjahre mit ihren Bands ihre jeweiligen Debüt-LPs. Einer hat überlebt.

Doch vermutlich ist also alles nur halb so schlimm. Denn Greg Dullis Texte sind durchweg gelungene Beispiele für einen Songwriter, der in der Lage ist, das persönlich Erlebte und das munter Hinzugedichtete in undurchdringliche, in den Sog ziehende Stimmungsbilder zu übersetzen. Zuweilen meint man als Hörer, Dulli beim Anwenden eines zweiten, weitaus populäreren Tricks zu ertappen: Spricht er von einer Frau, wenn er die Zeilen "I see you every single night / I got someone who knows tomorrow / So we steep into the night" singt? Oder ist die Rede von Kokain? Die Erzählebenen verschwimmen wie der Albumtitel "Random Desire" in verschiedene mögliche Bedeutungen.

Es ist, als würde man einen Krimi Noir schauen, bei dem alle lang angelegten Charakterstudien und der Handlungsaufbau herausgeschnitten worden sind, um allein in den Szenen emotionaler Auseinandersetzungen und Verfolgungsjagden, Momenten der Anschuldigungen und Liebesbeichten zu schwelgen.

Das Kino und seine Erzählungen als Stimmungsort und die Musik als Stimmungsverstärker finden auf "Random Desire" wie in einem Traum zusammen.

Mit anderen Worten: "Random Desire" ist das ambitionierte Album eines Avantgarde-Rock-Veteranen, der den großen Erfolg bisher nie erleben durfte, aber - ähnlich wie Nick Cave vor dessen Durchbruch - in einem fort stilprägende Alben veröffentlicht, ganz so, als wolle er sagen: Was nicht ist, kann ja noch werden.

© SZ vom 23.04.2020

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