Süddeutsche Zeitung

Grand Tour:Übern Daumen gepeilt

Drei junge Autorinnen und Autoren feiern auf je eigene Weise das Trampen. Sie umrunden die Welt und drehen sich auch sonst manchmal im Kreis.

Von Stefan Fischer

Die große Zeit des Trampens ist längst vorüber, jedenfalls in Europa. Insofern erstaunt es, dass gleich drei Bücher junger deutscher Autorinnen und Autoren erscheinen über Tramperabenteuer. Sollte das allerdings ein Indiz sein für ein Revival dieser Art der Vorankommens, des Reisens, dann hat die Corona-Pandemie dem ein rasches Ende bereitet. Ohnehin verbieten sich Weltreisen derzeit. Doch selbst wenn die Infektionszahlen global gesehen irgendwann so stark zurückgehen, dass viele Reisewarnungen aufgehoben werden können, wird es aus virologischer Sicht noch längere Zeit prekär bleiben, zu Fremden ins Auto zu steigen.

Insofern haben diese drei Bücher einen doppelten Nostalgiefaktor - sie befeuern einerseits den Mythos Trampen und beschreiben andererseits Ereignisse und Zustände, die unter normalen Umständen als erweiterte Gegenwart angesehen würden. Die nun aber, obwohl sie nur kurze Zeit zurückliegen, Teil einer abgeschlossenen Vergangenheit sind.

Trampen wird zum Selbstzweck, Sightseeing hält dabei nur auf

Nic Jordan, Stefan Korn und Patrick Brambach erzählen dabei drei sehr unterschiedliche Geschichten. Die ungewöhnlichste ist die von Korn. Er ist der Purist unter den dreien, Trampen ist ihm ein Selbstzweck. Er will so schnell wie möglich vorankommen, ohne Sightseeing, ohne große Pausen oder Aufenthalte. "Hauptsache, Meter machen", schreibt er in seinem Bericht "Warm Roads". Sein Ziel: Er will nach Hause. Und zwar ab dem Moment, als er sich von dort aus auf den Weg macht.

Einmal um die Welt soll es für Stefan Korn gehen, per Anhalter. Zwar bleibt er an manchen Orten für mehrere Wochen, um sich zu erholen von den Strapazen und hin und wieder auch wegen eines amourösen Abenteuers. Doch sobald er unterwegs ist, gibt er sich rastlos: "Yeah, man! Speed! Ich renne zum Pier. Als ich ankomme, bin ich komplett durchnässt. Aber egal, Hauptsache Richtung Uruguay durchknallen." Pkw, Trucks, Motorräder, Fähren, Segelboote, auch Taxen und Busse, so lange sie ihn kostenlos mitnehmen: Korn ist jedes Mittel recht, um voranzukommen.

Das wirft eine zentrale Frage auf: nach der Legitimität seines Abenteuers. Oder anders: nach der Verantwortung, die ein Reisender womöglich hat. Auf die Minute stoppt Stefan Korn die Zeit, die er warten muss auf den nächsten Lift, wie es unter Trampern heißt. Akribisch addiert er die Kilometer, die er zurücklegt, und die Zahl der Fahrzeuge, die er benutzt. Korn ist Mitbegründer der Deutschen Trampsport Gemeinschaft, er trägt einen gelb-roten Overall, seinen Tramperanzug - eine Art zweckmäßige Vereinsuniform: "Kleine Details machen den Unterschied, wie die Taschen auf den Oberschenkeln anstatt an der Seite, weil man da im Autositz besser drankommt." In seiner Wahrnehmung ist Trampen auch "immer eine planbare Fortbewegungsart".

An sich ist es lediglich kurios, wie ein dem Grunde nach individualistischer, den Zufall bewusst in Kauf nehmender Akt eine buchhalterische Dimension erlangt. Bei Stefan Korn wächst sich das Tramperabenteuer jedoch zu einem Egotrip mit eindeutig rücksichtslosen Zügen aus. Seine Besessenheit ist nicht bloßer Spleen, sondern Antriebskraft für eine fragwürdige Raserei. Haben Fahrer eine Panne, so ist das deren Pech; Korn sieht zu, dass er anderweitig vorankommt.

Einmal bezeichnet er Menschen, die Geld von ihm möchten, als Pisser, ein andermal verunglimpft er Leute als Pack. Von einem Honduraner trennt er sich nach einer kurzen Begegnung, denn der Mann reist ohne Papiere. "Kostet dann so viel Zeit", so Korn, sollte er gemeinsam mit ihm in einer Kontrolle hängen bleiben. Oft ist er bargeldlos und lässt sich von Menschen, die weit weniger haben als er, mit kleinen Beträgen beschenken.

Ein wenig versöhnt einen das Ende des phasenweise beschämenden Buches, an dem Stefan Korn einräumt, dass er aus einer Wohlstandsblase ausbrechen wollte und zu spät bemerkte, dass er damit nur in eine neue Blase geriet und einem vermeintlich falschen, weil selbstbezogenen und ignoranten Leben nicht wirklich entronnen ist. "Ich fühlte mich als Weltbürger", schreibt er. Verhalten hat er sich auf seiner Reise nicht wie einer.

Nic Jordan ist ebenfalls auf einem Egotrip unterwegs, das ist anders auch gar nicht denkbar, wenn man trampend durch die Welt reist. Sie ist dabei jedoch extrem allgemeinverträglich. Weil sie sich ihrer Rolle stets bewusst ist. Weil sie intensiv reflektiert, in welchem Verhältnis sie zu den Menschen steht, denen sie begegnet, die ihr helfen. Von denen sie etwas möchte. Kurze Zeit reist sie gemeinsam mit einem Typen durch China, der mitunter pampig wird zu Einheimischen, wenn es Sprachprobleme gibt. "So wollte ich nicht mit Menschen umgehen, nur weil sie mich nicht verstehen konnten", schreibt sie in ihrem Buch "Away" - und ist bald wieder alleine unterwegs.

Jordan handelt nie aus einem Kalkül heraus, wie nützlich ihr jemand sein kann. Vielmehr ist ihr von Beginn an klar, dass sie auch etwas geben muss. Das sind nicht in erster Linie materielle Dinge. Menschen, die Tramper mitnehmen, wollen oftmals jemanden zum Reden. Wer Couchsurfern seine Wohnung anbietet, holt sich unter Umständen die Welt ins Haus, die er oder sie selbst nicht bereisen kann, weil die finanziellen Möglichkeiten nicht vorhanden sind oder die Reisefreiheit eingeschränkt ist. Jordan bezahlt mit ihrer Geschichte.

Manchmal reicht das nicht. In Vietnam bezahlt sie die Menschen dafür, dass sie mitgenommen wird. Anfangs versucht sie den Einheimischen noch zu erklären, wie sie reist. Aber angesichts der Lebensverhältnisse in dem Land erscheint ihr das schnell lächerlich, dass sie, die Deutsche, ihre Tour auf Gefälligkeiten von Habenichtsen gründet. In Kambodscha kauft sie einen Wochenvorrat Lebensmittel für eine arme Familie, bei der sie zu Gast ist.

Antrieb der Reise ist eine Lebens- und Sinnkrise, ein Gefühl des Eingesperrtseins und der Einsamkeit unter Menschen. In Norwegen spürt sie erstmals intensiv, was es bedeutet, allein zu sein, aber nicht einsam. Wenig später nimmt sie der offizielle Nikolas mit nach Rovaniemi, was zu den charmantesten Passagen in dem Buch gehört, das trotz der Schilderung eines Selbstfindungstrips nicht esoterisch ist.

Oftmals ist es blindes Vertrauen, das Nic Jordan in Menschen setzt. Meistens wird sie belohnt, manchmal geht es schief. Das Gefühl, im Moment zu leben und unabhängig zu sein, ist ihr das wert. Denn es bringt ihr Begegnungen mit Menschen ein, die eine bewegende Lebensgeschichte haben. Als sie schließlich in Byron Bay an Australiens Ostküste ankommt, wo sie von Anfang an hinwollte, merkt sie, dass sie noch nicht am Ziel ist. Einen Weg hat sie noch vor sich, bis sie frei ist davon, sich immer wieder trennen zu wollen von Menschen.

Braucht man einen guten Grund für eine Reise? Definitiv nicht, findet der Autor

Patrick Brambach schließlich ist der Komiker unter den drei Trampern. Ihn zeichnet vor allem ein Talent zur Selbstironie und zum Understatement aus. Er führt eingangs seines Reiseberichts "Per Anhalter durch den Nahen Osten" ein paar Gründe an für diese Reise, die er allesamt als "nicht sehr überzeugend" klassifiziert. Aber die USA seien auch nur deshalb zum Mond geflogen, weil es schwierig ist. Und nicht etwa, weil es notwendig war.

Mitunter verliert Brambach sich in dem Wortgeklingel, in seinen Metaphern und skurrilen Vergleichen. Aber er findet dann doch immer wieder zurück zum Wesentlichen. Beziehungsweise: Setzt Pointen nicht bloß um ihrer selbst willen, sondern um die Dinge auf den Punkt zu bringen. Auch er stellt sich die Frage nach der Verhältnismäßigkeit seines Tuns angesichts des Wohlstandsgefälles und kommt zu ähnlichen Antworten wie Nic Jordan. Und er ist immer wieder gezwungen, sich zu den Weltbildern seiner Chauffeure und Gastgeber zu verhalten, die nicht immer ohne weiteres in Deckung zu bringen sind mit liberalen, demokratischen Positionen des Westens.

Als Leser ist man in allen drei Fällen gewissermaßen in der Position von jemandem, der einen Tramper mitnimmt. Man hofft auf eine spannende Geschichte, wird oft belohnt. Nur manches Mal wünscht man sich, man hätte nicht angehalten.

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Quelle:
SZ vom 13.10.2020
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