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Pop:"Wir kommen in Frieden, aber wir meinen es ernst"

Die diesjährigen Grammys bieten herrlich skurrile Auftritte, aber eben auch eindringliche Botschaften. Nur ein Sketch über Trump, der berührt niemanden.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Zum Beispiel der Rapper Kendrick Lamar, der die 60. Grammy-Verleihung im Madison Square Garden von New York mit einem politisch aufgeladenen Auftritt eröffnete und dann seinen musikalischen Rivalen Jay-Z zum kommenden Präsidenten der Vereinigten Staaten ausrief.

Oder die Sängerin Kesha, die weinend ihre Ballade "Praying" über sexuelle Gewalt, Rache und Vergebung vortrug und dabei von Cyndi Lauper, Camila Cabello, Julia Michaels und Andra Day begleitet wurde. Oder die Countrysänger Eric Church, Maren Morris und Brothers Osborne, die mit einer Version von "Tears in Heaven" der Opfer des Massakers in Las Vegas gedachten. Das war kraftvoll, bewegend, berührend.

Brauchte es da wirklich die Politikerin Hillary Clinton, die aus dem Enthüllungsbuch "Fire and Fury: Inside the Trump White House" vorlas und sich damit augenzwinkernd um einen Preis bei der nächsten Veranstaltung bewarb?

Ausgewählte Preisträger der 60. Grammy-Verleihung

Album des Jahres: "24K Magic", Bruno Mars

Song des Jahres: "That's What I Like", Bruno Mars

Aufnahme des Jahres: "24K Magic", Bruno Mars

Beste Newcomerin: Alessia Cara

Bestes Dance/Elektro-Album: "3-D The Catalogue", Kraftwerk

Bestes Rock-Album: "A Deeper Understanding", The War on Drugs

Bestes Alternative-Album: "Sleep Well Beast", The National

Bestes R&B-Album: "24K Magic", Bruno Mars

Bestes Rap-Album: "DAMN.", Kendrick Lamar

Bestes Country-Album: "From a Room, Vol. 1", Chris Stapleton

Bestes Musikvideo: "HUMBLE.", Kendrick Lamar

Es stellt sich ja bei solchen Preisverleihungen stets die Frage, ob es sich um eine selbstgerechte Selbstbeweihräucherung der Branche handelt, ein selbstverliebtes Sich-selbst-auf-die-Schulter-Klopfen, ein selbstreferentielles Um-sich-selbst-Drehen, irgendwas mit "selbst".

Oder passiert da vielleicht doch etwas, das die Zuschauer mitnehmen dürfen ins Leben danach? Einen Hinweis vielleicht oder eine Botschaft über die sie nachdenken und sich am Tag danach unterhalten möchten. Ein bisschen mehr als die Feststellungen, wer die bedeutsamen Preise gewonnen (Kendrick Lamar, Bruno Mars), wer besonders schön gesungen (Lady Gaga, Sam Smith) und wer auf dem roten Teppich das schickste Outfit präsentiert (Elton John) hat.

John Legend lästerte über Trump

Es darf allerdings auch nicht allzu bedeutungsschwanger daherkommen, wie es die Gewinner der Oscars immer wieder gerne tun, weil sie nichts zu sagen haben und doch reden müssen - was dann entweder unehrlich rüberkommt oder völlig fehl am Platz. Es ist dann eben doch nur ein Abend der Unterhaltungsbranche und nicht das Weltwirtschaftsforum in Davos, eine politische Debatte über Gleichberechtigung oder eine Rede zur Lage der Nation, wie sie Donald Trump am Dienstag halten wird.

Was bedeutet es also, wenn Nikki Haley, die von Trump ernannte US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, nach der Veranstaltung beim Kurznachrichtendienst Twitter schreibt: "Ich habe die Grammy-Verleihung immer geliebt, aber Künstler aus 'Fire and Fury' vorlesen zu lassen, hat sie für mich kaputt gemacht. Zerstöre großartige Musik nicht mit Müll. Einige von uns mögen Musik, ohne dass es politisch werden muss."

Nicht nur Clinton hat aus dem Buch gelesen, auch einige der bekanntesten Musiker der Welt stellten den US-Präsidenten bloß. John Legend lästerte über die kurze Aufmerksamkeitsspanne von Trump, Cher über seine Frisur, Snoop Dogg über die Amtseinführung. Cardi B unterbrach sogar und sagte: "Warum muss ich diese Scheiße lesen?" Es war ein Frontalangriff auf Trump, den es überhaupt nicht gebraucht hätte, weil die Musiker ihre Botschaften bis dahin subtil und doch wirksam untergebracht hatten.

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