Grammy Awards in Los Angeles Die haben die Posen voll

Als weitere Duett-Schrulle paarte sich die Band Radiohead mit einer Marschkapelle. Zunächst fürchtete man, der schmächtige Sänger Thom Yorke könne sich zwischen den mächtigen Fellen verlieren wie ein Platzanweiser bei einem Stadthallenauftritt der japanischen Yamato-Trommler.

Doch dann fügten sich beim Song "15 Step" der elektrisch-leidende Sound der Band und die Polyrhythmen der Perkussionsmannschaft zu einer Nummer, die ausreizte, was einer Award-Show an Avantgarde zumutbar ist.

Den perfekten Popsong gab es auch zu hören: Mit wunderbar zart verrauchtem Timbre sang Estelle vom "American Boy" und Kanye West spielte ihr Gegenüber in diesem Dialog des Verlangens. Obwohl der Song jeglichen Coldplay-Kram weit überragt, gewann er nur in der Nebenkategorie "Best Rap/Sung Collaboration". So zeigte sich wieder mal, dass Hip-Hop-Künstler zwar gerne für Grammys nominiert werden, aber selten in den Hauptkategorien gewinnen.

Aber wer genau warum auf der Bühne steht, ist im Grunde egal. Zu eng sollte man das bei Award Shows nicht sehen. In der Rap-Kategorie jedenfalls nahm Lil Wayne den Preis fürs beste Album mit nach Hause. Geht klar, schließlich bezeichnet er sich als größten lebenden Rapper.

"He's a character", sagen sie auf Englisch über jemanden, der so kurzweilig unberechenbar ist wie Lil Wayne. Mit seiner zierlichen Statur, dem oft entblößten Oberkörper und seinen langen Dreadlocks erinnert Lil Wayne an einen Klaus Kinski des Hip-Hop. So wie M.I.A. am liebsten auf der Bühne niederkommen sollte, hatten sich die Grammy-Organisatoren von Lil Wayne eine Menge Trouble erhofft.

Da wird es aber ganz schwierig für einen Rockstar, wenn von ihm im Voraus erwartet wird, über die Stränge zu schlagen. Das Unerwartete zu tun, kann für einen gecasteten agent provocateur nur heißen, einfach mal ganz normal zu sein, sich also gewissermaßen ein Vorbild an Chris Martin und seinen blassen Coldplay-Jungs zu nehmen. Und so benahm sich Lil Wayne dann auch als unauffälliger Siegertyp. Im Karneval kommt man eben mit den verrücktesten Verkleidungen durch.