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Grammy Awards 2017:Adele 5 - Beyoncé 2: ein Skandal?

The 59th GRAMMY Awards - Press Room

Adele und ihre fünf Grammys - darunter die Auszeichnungen für bestes Album, bester Song und beste Aufnahme.

(Foto: AFP)

Bei den wichtigsten Preisen der Musikindustrie sticht Adele Beyoncé in allen großen Kategorien aus.

Es ist keine Dankesrede. Es ist eine Entschuldigung. Als Adele Adkins an diesem Abend vor das Mikrofon auf der Bühne des Staples Center in Los Angeles tritt, um den Grammy für das beste Album des Jahres entgegenzunehmen, weiß sie, was die Kommentatoren auf den einschlägigen Musik-Webseiten, was die Menschen auf Twitter und Facebook schreiben werden: Beyoncé wurde übergangen. Schon wieder. Weshalb Adele zu Beginn ihrer Rede um Nachsicht bittet: "Ich kann diesen Preis unmöglich annehmen." Sie sei sehr dankbar, aber Beyoncé sei ihr Leben. Und deren Album, "Lemonade", sei einfach so monumental, so wohl überlegt, so schön und gleichzeitig so entblößend.

Die Recording Academy jedoch sieht das mit der Monumentalität anders und überreicht den Preis für das beste Album an Adeles "25" - und eben nicht an Beyoncés "Lemonade". Doch das ist noch nicht alles. Am Ende des Abends hat Adele ihre Konkurrentin in allen wichtigen Kategorien geschlagen: bester Song, beste Aufnahme, bestes Album. Dabei zählen Beyoncés "Lemonade" und ihr Song "Formation" definitiv zu den interessantesten Stücken Pop, die die Musikgeschichte in den vergangenen Jahren hervorgebracht hat. Sie sind unbequem und laut, sie sind divers und vielschichtig. Und am Ende doch einfach wahnsinnig toller, weil unterhaltsamer Pop. Taugt es nun also zum Skandal, dass Adele einmal mehr bei den Grammys abräumt, während Beyoncé immer noch auf eine Würdigung in den bedeutenden Kategorien wartet? Erwarten uns nun gewaltige shitstorms gegen die alten, weißen Herren der Academy unter dem Hasthag #GrammysSoWhite?

Adeles Anziehungskraft transzendiert Schichten und Alterskohorten

Sicher, seit 2008 hat kein schwarzer Künstler mehr die Kategorie "Album des Jahres" gewonnen. Taylor Swift hingegen zweimal. Der Vorwurf aber, dass bei den Grammys Kommerz über Kunst, Gefälligkeit über politische Botschaft triumphiere, ist zu kurz gegriffen. "25" ist ohne Zweifel das kommerziell erfolgreichste Album der vergangenen Monate. Das liegt zum einen an Adeles Ausnahmestimme. Zum anderen aber auch an ihrer Anziehungskraft, die über alle Schichten und Alterskohorten hinaus wirkt - und von Saturday Night Live herrlich parodiert wurde. Alle lieben die junge Britin, sie ist so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner des zeitgenössischen Pop. Natürlich ist es eine uninspirierte Entscheidung, den kleinsten gemeinsamen Nenner des Pop auszuzeichnen. Aber es ist keine ungerechtfertigte.

An anderer Stelle stemmen sich die Grammys gegen den kommerziellen Ausverkauf. Seit Jahren schon ignoriert nämlich die Acadamy Drake, einen der erfolgreichsten männlichen Künstler unserer Zeit, in den wichtigen Kategorien. Diese Entscheidung wiederum mag ungerechtfertigt sein, aber es ist eine inspirierte.

Bleibt also der Vorwurf #GrammysSoWhite. Wie das Online-Magazin Vox analysiert, neigen die weißen Babyboomer der Academy dazu, ihre Stimmen gebündelt einem Künstler und einem Genre zu geben. Damit übertreffen sie den diverseren Rest der Jury, der seine Stimmen eher auf unterschiedliche Genres verteilen. Frank Ocean hat aus diesem Grund seine beiden Alben "Endless" und "Blonde" gar nicht erst eingereicht. Er boykottiert die Verleihung und hält die Grammys für eine überkommene Veranstaltung, die den Kontakt zur Gegenwart verloren hat. Man mag ihm beinahe recht geben, wäre da nicht Chance The Rapper.

Dessen Auszeichnung als bester Newcomer ist bemerkenswert und höchst erfreulich. Steht sie doch für einen Wandel bei den Grammys. Chance The Rapper und sein drittes Mixtape "Coloring Book" waren einer der großen Kritiker-Hypes des vergangenen Jahres. Nun hat er die Grammys für den besten Neuling im Business und für das beste Rap-Album erhalten - ohne Plattenvertrag, ohne eine einzige physische Veröffentlichung. Zu Recht. Zusammen mit seinem Mentor Kanye West hat der 23-Jährige Hip-Hop, Gospel und Spiritualität zu einer neuen und innovativen Verbindung geführt. Zeitgeistiger hätte sich die Academy nicht entscheiden können. Den Grammy hat Chance übrigens selbst schon vor einem Jahr vorhergesagt - in der besten Strophe von Kanye Wests "Ultralight Beam":

I made Sunday Candy, I'm never going to hell/ I met Kanye West, I'm never going to fail/ He said let's do a good ass job with Chance three/ I hear you gotta sell it to snatch the Grammy/ Let's make it so free and the bars so hard/ That there ain't one gosh darn part you can't tweet/ This is my part, nobody else speak

#GrammysSoChance.

© SZ.de/dd
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