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Graham Chapman - "Autobiografie eines Lügners":Ringsherum schwere Verbrechen

Vieles von dem, was hier vorkommt, würde sehr gut als Szene funktionieren. Da gibt es zwei Polizisten, die einen Passanten stellen, der sich unterstanden hat, eine Pfingstrosenblüte in einem Garten abzupflücken. "Das, Bürschchen, ist Diebstahl, und das ist ein schweres Verbrechen und kann mit bis zu dreißig Jahren bestraft werden . . ." Man kann sich ohne weiteres vorstellen, was Monty Python im Sketch daraus gemacht hätte: auf dem Papier fängt sich davon unbefriedigend wenig.

Der Text fährt fort damit, wie ringsherum tatsächlich massenhaft schwere Verbrechen geschehen, welche von der Blumenpolizei gar nicht zur Kenntnis genommen werden. "Mehrere krasse Vergewaltigungen finden statt, und Männer mit schwarzweißen Ringelpullis und Masken rennen in Häuser hinein und mit großen Säcken, auf denen das Wort 'Beute' steht, wieder heraus." Dass die Räuber ihre Beutesäcke unwahrscheinlicherweise als solche beschriften, kann seine groteske Wirkung nur entfalten, wenn man es sieht - nicht jedoch, wenn man es erzählt bekommt.

Von der Fiktion, dass diese Autobiografie eine erlogene wäre, lässt das Buch relativ rasch ab. "Seine Eltern, Tim und Beryl (bzw. Walter, Edith und Mark), waren bei seiner Geburt entrüstet, weil sie einen schwarzen heterosexuellen Juden erwartet hatten" - das trägt noch nicht einmal für die volle Dauer des Klappentexts. So wird es halt schließlich eine Autobiografie wie andere auch. Dieses Leben war bestimmt alles andere als uninteressant: der brave Sohn aus kleinbürgerlichem nordenglischem Haushalt, der Medizin studiert, dann aber im Swinging London der Sechziger seine Neigung zur Comedy und zur Homosexualität entdeckt, die er beide exzessiv auslebt . . . Aber Chapman fühlt sich zur schrillen Zurichtung verpflichtet, als wäre sein Leben eine einzige Reihe auf Schnelligkeit getakteter Sketche.

Das Ganze nimmt den Ton eines überdrehten Erlebnisaufsatzes an: "Also brausten David und ich zum Flughafen davon - ich hatte nicht viel Zeit gehabt, meine frühmorgendlichen Getränke herunterzustürzen, und kotzte praktisch die nette Dame am Eincheck-Tresen voll, aber wir waren bald durch, und ich trank froh die großen Gin Tonics zum Frühstück. Im Flugzeug nahm ich ein ähnliches Mittagessen ein, schaute auf dem Weg vom Londoner Flughafen auf ein paar weitere Drinks bei 'London Weekend TV' vorbei und spendete dem weiblichen Catering-Personal ein großes Plakat mit einem nackten Nazi drauf, welches die Damen am meisten wegen seiner Detailfreudigkeit beeindruckte . . ." - na, und so weiter eben.

Dieser Ton bringt es mit sich, dass die emotional bedeutsamen Erlebnisse, die zu jedermanns Biografie gehören, nicht adäquat gestaltet werden können und, sofern sie sich doch ihren Weg bahnen, nur als verdruckste Sentimentalität herüberkommen. Die Passage macht noch etwas anderes klar: dass die Existenz eines Alkoholkranken, die immer etwas Trauriges an sich hat, dann, wenn sie sich unter dem Vorzeichen des Lustigen präsentiert, vollends todtraurig wird.

Mit abgedruckt ist die Grabrede, die Chapmans Kollege und Freund John Cleese ihm hielt. Er befindet, Chapman habe Besseres verdient als "geist- und besinnungslosen guten Geschmack", er, der doch der "Fürst des schlechten Geschmacks" gewesen sei. So gibt Cleese vor, Chapmans Geist sei ihm erschienen und habe ihn aufgefordert, in seine Rede, was es an einem Grab noch nie gegeben habe, unbedingt die Vokabel "fuck" einzuflechten, so wie Chapman selbst der Erste gewesen sei, der im britischen Fernsehen das Wörtchen "shit" zu Gehör gebracht habe.

John Cleese berichtet es nur, er zitiert; und wenn da wirklich "fuck" steht, so hat er es gewissermaßen gar nicht gesagt. Das ist ein Gag; aber eine Art von Zaudern bedeutet es doch auch, die dichteste Annäherung an so etwas wie Pietät, die sich ein alter Monty-Python-Kämpe getrauen durfte. Auf die Gefahr hin, den Redner zu beschämen, sei es dennoch ausgesprochen: Es ehrt ihn.

Graham Chapman: Autobiografie eines Lügners. Aus dem Englischen von Harry Rowohlt. Haffmans & Tolkemitt, Berlin 2012. 334 Seiten, 21,95 Euro.