Graffitisprayer "OZ" Ein Triebtäter?

Als es F. Anfang der neunziger Jahre nach Hamburg verschlug, tauchten schon kurz darauf die ersten Smileys in der Stadt auf - meistens auf kahlen Betonflächen. Ein Ort, an dem man solches Graffiti bis heute nirgends findet, ist da fast eine Sehenswürdigkeit.

Ein "notorischer Sachbeschädiger"

Dutzende Male ist F. schon auf frischer Tat ertappt worden, für unzählige verblassende Smileys und "OZ"-Schriftzüge saß er im Gefängnis - acht Jahre sind auf diese Weise inzwischen zusammengekommen, auch das dürfte Rekord sein in Deutschland. Und darüber hat sich auch einiges hochgeschaukelt in der Hansestadt - nicht nur auf Seiten F.s, der von "Saubernazis" spricht, "die mich am liebsten beseitigen würden" und der in solchen Momenten auch nicht mehr auf die Idee kommt, sich selbst zu unterbrechen. Die Hamburger Staatsanwaltschaft setzte im Jahr 2006 ein volles Dutzend Polizeibeamte auf F.s Observation an, sie suchte vor Gericht erfolglos nach Möglichkeiten, F. die Schuldfähigkeit absprechen zu lassen, was in diesem Zusammenhang bedeuten würde: Triebtäter.

Gerade jetzt hat sie zwanzig neue Anklagepunkte zusammengetragen, die "OZ" von der Straße holen sollen. Diese seien indessen nur ein Bruchteil der wahren Taten dieses notorischen Sachbeschädigers, betont ein Sprecher - und in diese engere Auswahl der Ankläger geschafft hat es dann etwa das mutmaßliche rechtswidrige Anbringen eines Aufklebers mit der Aufschrift "St. Pauli gegen rechts" auf die Seite eines Fahrkartenautomaten, sowie das Zeichnen eines Kringels auf einer öffentlichen Gehwegplatte unter Zuhilfenahme von Kreide.

Ein ehemaliger Luftschutzbunker zwischen blassen Plattenbauten im Stadtteil St. Pauli - nachts ist das ein dunkler Kasten zwischen ein paar helleren Kästen. F.umrundet den Lichtkegel einer Straßenlaterne und stellt sein Fahrrad ab. Im vergangenen Sommer, zur Grillzeit, konnten die Anwohner hier wochenlang zusehen, wie ein älterer Herr, den niemand kannte, den fensterlosen Betonklotz vor ihrer Haustür mit eigens angeschlepptem Gärtnergerät umrundete. Es ließ sich beobachten, wie der Mann Zigarettenstummel aufhob, Gestrüpp zurückschnitt und Schmierereien und Pissflecken an der Bunkerwand überstrich. Und wie er bald darauf zu sprühen begann: auffallend langsam, den Sprühkopf mit dem Daumen drückend anstatt mit dem Zeigefinger.

Ein Atelier will er nicht

Manche der Anwohner brachten dem gärtnernden Mann Würstchen. Und nachts sprangen offenbar noch andere Sprayer auf den Zug auf und imitierten den bunten Stil des alten Herrn respektvoll. Herausgekommen ist eine Farblandschaft, die sich einmal um den ganzen Bunker schlängelt: mit gelben und rosafarbenen Strahlen, die sich biegen und verknoten, und mit unzähligen kleinen schwarzen Punkten dazwischen, die an Keith Haring erinnern.

Oder eben an "OZ". Das sagt die Staatsanwaltschaft. F. sagt dazu nichts. Er geht an der Stelle fast grimmig vorbei, ärgert sich, dass er überhaupt hierher spaziert wurde. Auch das Geschehen am Bunker wird im kommenden Frühjahr vor Gericht als Sachbeschädigung verhandelt werden.

Ein Hamburger Galerist hat F. kürzlich angeboten, ihm ein Atelier zu stellen, wo er solche Bilder auch auf große Leinwände malen könnte; ein Fotoband mit "OZ"-Graffiti, den Fans herausbrachten, war schließlich schnell vergriffen. Nur: Welchen tieferen Sinn haben eigentlich Leinwände, die bloß Wohnungen verschönern? Von den Einnahmen aus der neuesten Ausstellung mit Fotos von "OZ"-Werken, die gerade im Schanzenviertel eröffnet wurde, könne man F. ja zum Beispiel ein Zeitungsabo ins Gefängnis schicken, haben die Ausstellungsmacher ihm erklärt. "Oder so eine megaschicke Gummipuppe", sagt F. jetzt selbst. Er prustet los. "Nur Spaß."

Zurück an der S-Bahn-Haltestelle Sternschanze wünscht F. eine gute Nacht, inspiziert sein Fahrrad und wackelt darauf davon, irgendwo zwischen den glatten Designergebäuden, die jetzt ringsherum hochgezogen werden. Alles frisch gestrichen.