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Street-Art und Instagram:Mal mich an

Football - UEFA Champions League - Group C - Liverpool v SSC Napoli

Wandbild als Denkmal: Jürgen Klopp wurde in der Jordan Street in Liverpool verewigt.

(Foto: picture alliance / Simon Stacpoo)
  • Streetart boomt, die sozialen Medien befeuern den Hype um die besten Wandgemälde.
  • Unternehmen versuchen, sich mit Auftragswerken ein lässiges Image bei jungen Kunden zu verpassen.
  • Sind bestellte Graffiti noch Straßenkunst oder schon Verrat?

Die Königin und der kaputte Junge von der Straße, was für ein Gegensatz. Hier europäischer Adel, dort das drogensüchtige Sprayer-Genie aus Brooklyn: Als Máxima der Niederlande vor ein paar Tagen eine Ausstellung des legendären amerikanischen Künstlers Basquiat eröffnete, in beigen Prinzessinnen-Pumps, versuchte sie sich tapfer an einer Symbiose beider Welten. Bohemehafter Schlapphut, die Monarchin griff gar selbst zur Farbdose - Botschaft: Ich bin auch ein bisschen wild. Was natürlich Blödsinn ist, denn darum geht es ja bei Street-Art: Sie wirkt am besten als Gegenpol zum etablierten Betrieb. Und diese Wirkung ist gerade sehr gefragt. Bemalte Fassaden sind in Großstädten plötzlich wieder überall.

Ob es das Huldigungsporträt für Trainer Jürgen Klopp in Liverpool ist, etwas Farbe für Betonsiedlungen oder der jüngste Streich des Selbstvermarkters Banksy: Kunstvolles und weniger Kunstvolles an Mauern und Häuserwänden scheint im digitalen Zeitalter eine spezielle Faszination zu besitzen. Die Qualität ist höchst unterschiedlich, von Buchstabenfolgen bis zum hyperrealistischen Bombast. Gemeinsam ist der öffentliche Raum als Wirkungsort. Allein der Begriff öffentlicher Raum klingt schwer angestaubt nach Achtzigerjahren, doch die erblühenden Wandbilder von London bis Kapstadt sehen ziemlich frisch aus. Spezielle Städtetouren führen in vielen Metropolen zu den markantesten Werken. Aktuelle Ausstellungen in Shanghai ("Post Contemporary Urban Graphics") oder im niederländischen Heerlen über den jung gestorbenen Superstar Jean-Michel Basquiat bestätigen die Entwicklung: In einer nivellierten Instagram-Bilderwelt entfaltet dieses analoge Kreieren, draußen im echten Leben, auf rauem Untergrund, eine Sogwirkung.

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Den Grafitti-Adrenalinschub kennt Mathias Köhler aus eigener Erfahrung. Der Allgäuer hat als Loomit in den frühen Achtzigerjahren zu sprayen begonnen, als die illegale Eroberung der Straße von New York aus zu einer weltweiten Subkultur-und Protestbewegung wurde. "Heute sind wir eine Gesellschaft der Bilder. Da hat Street-Art eine neue Stufe erreicht", sagt Loomit, der immer noch Gebäude mit seinen virtuosen Bildwerken markiert, zu Hause in München oder rund um den Globus.

Dass die neue Stufe auch mit Kommerzialisierung zu tun hat, mit dem schnellen Konsum einer knalligen Wand als Selfie-Hintergrund, will der 51-Jährige nicht explizit sagen. Gegenseitiger "respect" wird in der Szene hoch gehandelt. "Ich denke, dass Kommerz heute unser ganzes Leben durchdringt", erklärt er stattdessen. Loomit hat Anfang der Neunziger, als München ihn nicht mehr als polizeibekannten Störenfried fürchtete, das Badezimmer des Oberbürgermeisters bemalt. Seine jungen Kollegen lassen sich heute die Aufträge von Firmen gut bezahlen.

Im Netz gibt es Wettkämpfe, ein besonders attraktives neues Bild vor allen anderen zu posten

Die Vielfalt der urbanen Murals, also Wandbilder, ist genauso groß wie ihre fabelhafte Instagram-Tauglichkeit. Bei Shepard Fairey, berühmt geworden mit einem Obama-Konterfei, wirken die politischen Slogans wie Garnierung auf den Porträts schöner rebellischer Menschen - die er praktischerweise auch über sein eigenes Modelabel Obey an die Kunden bringt. Die Französin Madame Maurice bevölkert Mauern mit Vogelschwärmen aus Origami, sie hat für Bikini Berlin gearbeitet und ein Denkmal für homosexuelle NS-Opfer mitgestaltet. Maya Hayuk versteht ihre verwobenen Bilderwelten in Leuchtfarben als feministische "Girl power".

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In Port Talbot in Wales ist ein neues Werk von Banksy aufgetaucht. Es soll Weihnachtsgrüße überbringen - spielt aber vor allem auf die verpestete Luft in der Stadt an.

Und in Italien hat kürzlich Iena Cruz, bürgerlich Federico Massa, das größte grüne Mural Europas an eine römische Straßenkreuzung gepflanzt - aus einer Farbe, die angeblich Abgase neutralisieren soll. Nicht, dass Rom einen Mangel an Touristen mit gezückten Handykameras hätte. Aber im Viertel Ostiense sind es jetzt eben noch ein paar Kolonnen mehr, herangeschafft per Bus und Taxi. Ob das hilft, um die Luft zu verbessern?

Wie sehr die sozialen Medien den Hype um die besten Wandgemälde befeuern, erleben Leute wie Loomit vor allem bei Projekten in den USA: "Wenn ich in New York arbeite, rufen die Leute von der Straße meistens nur: 'What's your Instagram?'" Im Netz werden dann die Künstler, ihre Werke und Followeranzahlen verglichen, geteilt, verbreitet. Dort findet auch die Jagd nach Erstentdeckungen statt, es gibt regelrechte Wettkämpfe, ein besonders attraktives neues Bild vor allen anderen zu posten. Das gilt in erster Linie für ungenehmigte Pieces, deren Lebensdauer begrenzt ist. Früher waren besprühte Züge und S-Bahnen ein Mittel, dem eigenen Werk für eine Weile möglichst viel Publikum zu verschaffen. Heute retten Unternehmen wie Facebook und Apple Straßenkunst vor dem Verschwinden.

Sogar der Discounter Penny hat nun seine erste Street-Art-Filiale

Und nicht nur Technologiekonzerne, auch andere Firmen sind Teil der Street-Art-Konjunktur. Wobei aus der Sicht von Insidern die Szene natürlich nie erlahmt ist, deren Ursprünge schwer zu fassen sind. Waren es die Wandskizzen von Pompeji, der rätselhafte Franzose Gérard Zlotykamien und seine Strichfiguren oder die Style-Writer aus den amerikanischen Metropolen? In der öffentlichen Wahrnehmung haben Fassadenkunst und -kitsch, ob frei gemalt und gesprayt oder mit Schablonen, jedenfalls erst in den vergangenen Jahren wieder an Bedeutung gewonnen. Und von der Einzelhandelskette bis zum Autohersteller nutzen das Betriebe, um sich mit Auftragswerken ein lässiges Image bei jungen Kunden zu verpassen.

ITALY-ART-POLLUTION

Das Wandbild 'Hunting Pollution' des italienischen Künstlers Federico Massa an einer Fassade in Rom - angeblich eines der größten StreetArt-Werke in Europa.

(Foto: AFP/Getty Images)

Heiko Neitzel von der Berliner Agentur Book a Street Artist kennt solche Anfragen zuhauf. Er hat dem Discounter Penny zu seiner ersten Street-Art-Filiale in Friedrichshain verholfen. Und er vermittelt Künstler an die Deutsche Bahn, die ihre S-Bahnhöfe in der Hauptstadt gerade "visuell gestalten" lässt. Ist bestellte Straßenkunst noch Straßenkunst oder Verrat an der Sache? Neitzel kennt die hitzigen Diskussionen unter Künstlern und sagt: "Ich bin zwiegespalten. Aber solche Aufträge ermöglichen es den Leuten, von ihrer Arbeit zu leben. Bis sie den Sprung in den Kunstbetrieb schaffen."

Für junge Ausdrucksformen ist die Kulturelite in Deutschland allerdings noch lange nicht offen genug, findet Neitzel. "In unseren Museen hängen, überspitzt gesagt, tote Leute und Gerhard Richter."

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