Gottfried John gestorben Die Zärtlichkeit des Wolfes

Tod einer scheuen Seele: Der Schauspieler Gottfried John auf einer Aufnahme aus dem Jahr 2001

(Foto: dpa)

Er konnte Gefährlichkeit ausstrahlen, aber auch Zärtlichkeit: Gottfried John, Charakterkopf, Fassbinder-Schauspieler, James-Bond-Schurke und scheue Seele, ist mit 72 Jahren einem Krebsleiden erlegen.

Von Tobias Kniebe

Er hatte das, was man auf Rummelplätzen und in Hafenspelunken respektvoll eine "Fresse" nennt, und in diesem Respekt schwingt so einiges mit. Die Erkenntnis zum Beispiel, dass dem Träger eines solchen Gesichts nichts in die Wiege gelegt wurde, dass er selbst in langen, harten Nächten daran gemeißelt hat, dass sich aber auch Erfahrungen darin eingegraben haben, die man für kein Geld der Welt kaufen kann. Eine Fresse, davon kann man mal ausgehen, kommt überall durch.

Für den Schauspieler Gottfried John, der in mehr als 130 Filmen mitgewirkt hat, der es zum Stammspieler bei Rainer Werner Fassbinder brachte, unter anderem in "Berlin Alexanderplatz", zum Bond-Schurken in "Goldeneye", wo er Pierce Brosnan in arge Bedrängnis brachte, und schließlich zum Comic-Caesar mit goldenem Lorbeerkranz, hat sich das individuell wohl anders angefühlt. Besonders natürlich in jungen Jahren.

"Ich kann mich doch selber nicht im Spiegel ansehen. Keiner hat so eine zerknautschte Schnauze mit Schlitzaugen und eine Stirn wie ein Neandertaler! Und das auf so einem langen, dürren Gerippe !" So will er, als Siebzehnjähriger, sein Leid der Mutter geklagt haben - in seiner Biografie "Bekenntnisse eines Unerzogenen" berichtet er davon. Diese Mutter muss eine exzentrische Frau gewesen sein.

Seine Mutter riet ihm, Schauspieler zu werden

John, der 1942 in Berlin geboren wurde, erfuhr nie, wer sein Vater war - und als die Mutter später das Sorgerecht für ihn verlor, wuchs er zum Teil in Heimen auf, dann aber entführte sie ihn nach Paris. Sie war es dann auch, die ihm riet, Schauspieler zu werden, was wahrscheinlich das Beste war, was sie tun konnte. "Das ist der schönste Beruf, du wirst bewundert, du bist der absolute Mittelpunkt." Der mit seinem Selbstbild ringende, qualvoll schüchterne John aber sagte: "Ich hasse es, der Mittelpunkt zu sein!" Dennoch beginnt er ein Schauspielstudium in Berlin - und bekommt bei Hans Neuenfels dann schon die großen Rollen: Richard III. etwa oder Macbeth.

Aber erst Rainer Werner Fassbinder erkannte sein volles Potenzial - weil der selbst eine Fresse hatte und das Beste daraus zu machen wusste. John war brillant als Werkzeugmacher mit Revolutionsgedanken in "Acht Stunden sind kein Tag". Als Gegenspieler des Franz Biberkopf in "Berlin Alexanderplatz" strahlt er eine schlaksige Gefährlichkeit aus, unter der man immer auch Zärtlichkeit spürt - die bedrohlichste Mischung überhaupt. Aber auch Kindlichkeit lag darunter, wie die schöne Szene aus "In einem Jahr mit 13 Monden" zeigt, wo John eine Jerry-Lewis-Nummer parodieren durfte.

Die Weltkarriere danach folge selbstverständlich zu Recht, aber die Jahre brachten auch immer wieder neue, überraschende Seiten an ihm zum Vorschein - vom überzeugend alkoholkranken Fernsehkommissar bis zum bezaubernden Rezitator von Rilke-Gedichten. Am Montag erlag Gottfried John nahe München einem Krebsleiden - vier Tage nach seinem 72. Geburtstag.