"Gott der Barbaren" von Stephan Thome Das Blutbad, von dem im Westen niemand weiß

Hong Xinquan, der Anführer der Rebellen, erklärte sich zum jüngeren Bruder Christi.

(Foto: mauritius images)
  • Stephan Thome steht mit seinem neuen Roman "Gott der Barbaren" auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis.
  • "Gott der Barbaren" thematisiert den Taiping-Aufstand, der mit 30 Millionen Toten nach dem Zweiten Weltkrieg der verlustreichste Konflikt der Menschheitsgeschichte war.
  • An dieses Thema in der Form eines Romans heranzugehen ist allerdings gewagt.
Von Burkhard Müller

Auf dem Weg Jesu verbreitet sich die Kälte" - das steht doch so bestimmt nicht in der Bibel? Aber ja!, behauptet Hong Jin, der den Titel des Schildkönigs führt. Er hat seine Bibel dabei und legt den Finger auf die Stelle, wo es heißt: Ye lu san leng. Und da dämmert es dem deutschen Missionar Philipp Neukamp, genannt Fei Lipu, der sich im Gewahrsam seines früheren Zöglings und jetzigen Meisters Hon in der Himmlischen Hauptstadt Nanking befindet: Die Umschrift des für Chinesen wenig besagenden Ortsnamens Jerusalem liest sich tatsächlich wie "Auf dem Weg Jesu verbreitet sich die Kälte."

Missverständnissen solcher und schlimmerer Art ist die christliche Lehre ausgesetzt, wenn sie ins China des 19. Jahrhunderts eingeführt wird. Sie fällt auf überaus fruchtbaren Boden, begierig greifen die verelendeten chinesischen Massen sie auf und verwandeln sie mit einem Eifer, der in Europa und Nordamerika lang erloschen ist, in den Glutkern einer Rebellion, die das Reich der Mitte in seinen Grundfesten erschüttert. Hong Xinquan, Oberhaupt der Rebellen, erklärt sich zum jüngeren Bruder Jesu Christi, verbietet bei Todesstrafe Alkohol und Sex (obwohl er sich selbst einen Harem hält) und setzt, in China unerhört, die Gleichberechtigung der Frauen durch.

"Gott der Barbaren" ist ein Titel voll ironischen Doppelsinns: Barbaren sind in Chinas Augen die christlichen Ausländer, die ins Land drängen, wie umgekehrt aus der Sicht der Europäer die Chinesen Barbaren sind, die ein verhunztes christliches Dogma als Vorwand zu Gewaltexzessen missbrauchen. 30 Millionen Tote soll der Taiping-Aufstand gekostet haben, der ein großer Bürgerkrieg war, nach dem Zweiten Weltkrieg der verlustreichste Konflikt der Menschheitsgeschichte. Dennoch wissen außerhalb von China nur wenige etwas von dieser historischen Großkatastrophe.

Stephan Thome, der 1972 im hessischen Biedenkopf geboren wurde, wohnhaft in Taipeh, Autor und Sinologe, hat sich vorgenommen, das zu ändern. Er geht an diesen gewaltigen Brocken mit der Form des Romans heran. Das ist eine gewagte Entscheidung: Denn bei Stoffen dieser Art ist der Roman fast immer im Hintertreffen gegenüber seiner Rivalin, der historischen Monografie. Diese lässt, vor allem wenn die Quellen reichlich fließen, die Akteure so zu Wort kommen, wie sie es in ihrer Zeit getan haben; und so zweifelhaft die Resultate sein mögen, zu denen sie gelangt: Der Standpunkt, von dem aus sie ihr Material organisiert, der Feldherrnhügel der Wissenschaft, wird ihr niemals fraglich. Demgegenüber kann der Romancier noch so sorgsam recherchieren - er muss seinen Figuren dann doch Reden in den Mund legen, die sie so garantiert nie geführt haben und die eine prekäre Mitte zwischen heute und damals halten. Und als Erzähler schwebt er nicht über den Dingen, sondern ist sozusagen zu Fuß im Pulverdampf unterwegs, was perspektivische Probleme verursacht.

Diese sechs Romane stehen auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis

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"Gott der Barbaren" hat es auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis geschafft

Thome hat es mit diesem Roman wie schon mit seinen Vorläufern "Grenzgang" (2009) und "Fliehkräfte" (2012) auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis geschafft. Er ist sicher weit besser gerüstet als die meisten Westler, zumal die deutschsprachigen, um auch der chinesischen Seite Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Doch verkompliziert sich die Lage dadurch, dass es zwei sehr verschiedene chinesische Seiten gibt, die der herrschenden Mandschu-Dynastie und die der Rebellen. In noch höherem Grad als gewöhnlich gilt hier, dass der Sieger die Geschichte schreibt; und Sieger sind noch einmal die alten Kräfte, während die Besiegten mit einer Radikalität ausgemerzt werden, die sie fast völlig zum Verstummen bringt.

Die Europäer, hauptsächlich Briten, die gleichzeitig gegen den Kaiser in Peking den sogenannten Zweiten Opiumkrieg führen, sind dabei eigentlich nur Zaungäste. Doch die innere Notwendigkeit des Romans bedingt es, dass die Ereignisse sich vor allem aus ihrem Blickwinkel entfalten. Der Missionar Philipp Johann Neukamp schreibt Tagebuch und füllt viele Seiten mit seiner abenteuerlichen Reise nach Nanking. Lord Elgin, britischer Sonderemissär (sein Vater hatte den Parthenonfries nach London geholt), hält lange philosophische Monologe vorbei an den Ohren seines Sekretärs Maddox und einer namenlosen chinesischen Konkubine, die keine Silbe versteht; selbst sein Familienleben in Schottland (das nun wirklich nichts zur chinesischen Sache tut) erfährt breite Würdigung. Eingestreut sind englische Zeitungsartikel, Briefe und Vorträge von Missionaren und so weiter.

Unter den Chinesen ist Zeng Guofan, Kommandeur der Hunan-Armee, die den Kampf gegen die Rebellen führt, die herausragende Figur, und die interessanteste im Buch überhaupt. Hier vor allem kommt die eminente Sachkenntnis Thomes zum Zug. Als Gelehrter, der wider Willen zum Soldaten wurde, legt der General Wert auf die konfuzianischen Tugenden Mitleid und Familiensinn. Seinen jüngeren Bruder, ebenfalls Heerführer, für dessen Erziehung er sich verantwortlich fühlt, tadelt er nicht etwa deswegen, weil er 8000 Rebellen, die sich bereits ergeben hatten, zu köpfen befiehlt, sondern weil er dabei nicht persönlich zugegen war. Denn wie kann er den Soldaten Vorbild sein, wenn er sie die Drecksarbeit alleine machen lässt? Zengs Mitleid aber äußert sich darin, dass er anordnet, bei der Eroberung einer Stadt alles am Leben zu lassen, was noch Milchzähne hat. Das Zugeständnis verrät mehr über die Härte des Konflikts als alle Schilderungen der Gräuel.

Stephan Thome: Gott der Barbaren. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018. 719 Seiten, 25 Euro.

(Foto: )

Das Buch fesselt dort am meisten, wo es an seinem übergroßen Stoff scheitert

Doch ins Innere der Rebellion und damit ins Zentrum des Stoffs gelangt auch Thome nicht. Zwar erlebt man die Anführer im Gespräch mit dem deutschen Missionar Neukamp, der Chinesisch kann; aber man spürt, dass der westlich-realistische Dialog, in den ihre Rede eingespannt wird, dem, was sie sind und wollen, nicht entspricht. Auch die Briefe, die Hon Jin an die Europäer richtet und deren Text sich offenbar eng an historische Quellen anlehnt, wirken eher grotesk, als dass sie für Klarheit sorgten. Der Absender fragt, wie hoch die einzelnen Stockwerke des Himmels seien, ob Gott einen Bart habe und ob er manchmal auch weine.

Und wie steht es mit dem einfachen Volk, das von allen drei Parteien abgeschlachtet wird? Analphabeten sind es, die keine Stimme haben. Der Autor denkt sich das Mädchen Huang Shuhua aus, das von den Missionaren im Schreiben und Lesen unterwiesen worden ist und im belagerten Nanking ein Journal führt. Den letzten Eintrag macht sie mit eigenem Blut neben den massakrierten Leichen ihrer Familie, dann erhängt sie sich. Die makabre Kolportage lässt erkennen, an welche absolute Grenze der historische Roman mit seinen Möglichkeiten hier stößt. Im Übrigen bleibt Huang so marginal, dass sie nicht einmal ins umfangreiche Personenregister aufgenommen wird.

Das Buch schließt mit einer Pressemeldung über eine christlich inspirierte Bewegung im fernen Qinghai, die von der gegenwärtigen Regierung in Peking rigoros unterdrückt wird. Das soll heißen: Wer die chinesische Geschichte des 19. Jahrhunderts nicht kennt, begreift nicht, was in Staat und Gesellschaft des heutigen China passiert, das um jeden Preis einen neuen Taiping-Aufstand vermeiden will. Was einmal war, kann wiederkehren.

Dass es solche Aufklärung leistet, ist nicht das kleinste Verdienst von Thomes Buch. Darüber hinaus sollte man es, will man es mit Nutzen lesen, nicht allzu eindringlich befragen, ob es gelungen wäre. Eigentlich gelingen konnte es als Roman nicht. Es fesselt nicht dort am meisten, wo es in konventionellem Sinn spannende und anrührende Episoden erzählt, sondern dort, wo es an seinem dunklen, übergroßen Stoff scheitert. Die Ratlosigkeit der westlichen Zivilisation vor ihrem östlichen Gegenstück spiegelt es auf zwei Ebenen wider: Auf der einen, ihm bewussten, indem es den Diskurs der Europäer im 19. Jahrhundert in all seiner ahnungslosen Arroganz darstellt; auf der anderen, indem es durch seine Form seinen Gegenstand letztlich verfehlt. Es ist ein Buch, das mehr Aufschluss gewährt, als es selber weiß.

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