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Beutekunst:Endlich Austausch

Élisabeth-Louise Vigée Le Brun, Großfürstin Anna Feodorowna
von Russland (1781-1860), 1797

Das Gemälde der Großfürstin Anna Feodorowna von Élisabeth-Louise Vigée Le Brun aus dem Jahr 1797 stammt eigentlich aus Gotha, befindet sich aber im Moskauer Puschkin-Museum.

(Foto: Puschkin Museum Moskau)

Russische und deutsche Forscher untersuchen jetzt zusammen, welche Beutekunst aus Gotha im Moskauer Puschkin-Museum gelandet ist.

Von Sonja Zekri

Die Stiftung Schloss Friedenstein Gotha und das Moskauer Puschkin-Museum unterzeichnen an diesem Dienstag in Moskau eine Kooperationsvereinbarung, die es in dieser Form noch nicht gegeben hat. Fünf Jahre lang wollen deutsche und russische Forscher untersuchen, welche Gothaer Bestände als Beutekunst im Moskauer Puschkin-Museum gelandet sind und auf welchen Wegen, welche Objekte 1958 von der Sowjetunion zurückgegeben wurden und nach welchen Kriterien. Sie wollen die Digitalisierung vorantreiben, in die Archive hinabsteigen, gemeinsam forschen. Gerade die Digitalisierung sei das "zeitgemäße Tool", mit dem man "unabhängig von eher schwierigen Rückführungsdebatten sehr gut und produktiv" zusammenarbeiten könne, sagt Tobias Pfeifer-Helke, Direktor der Stiftung Schloss Friedenstein, der SZ. Schloss Friedenstein ist berühmt für seinen Bestand an Werken von Lucas Cranach dem Älteren und seiner Schule, der sich bis auf die Kurfürsten von Sachsen zurückführen lässt. Auch von diesen Werken lagert noch immer vieles in Moskau.

Nachdem russische Museen jahrzehntelang über die Bestände deutscher Beutekunst in ihrem Besitz nicht einmal sprachen, und die deutschen Museumsleute oft nicht einmal wissen, wo in Russland ihre Bestände eigentlich gelandet sind, wäre eine so umfassende Kooperation tatsächlich etwas Neues. "Wir hoffen, dass wir die Gothaer Bestände im Puschkin Museum mit den russischen Restauratoren besichtigen werden", sagt die Gothaer Provenienzforscherin Anastasija Yurchenko.

Yurchenko hat drei Jahre im Puschkin-Museum in der Abteilung für Auswärtige Angelegenheiten gearbeitet, dann für die deutsche Kunstversicherungsagentur Kuhn und Bülow, für das Art Loss Register in London, für die Kulturstiftung der Länder. Dass sie vor kurzem in Gotha Leiterin der Provenienzforschungsstelle wurde, ist ein Glücksfall und trifft auf russischer Seite auf eine Generation russischer Museumsleute, die in ihrem Bemühen um Austausch von den politischen Verwerfungen zwischen beiden Ländern eher noch angespornt werden.

Am Ende könnte sogar eine gemeinsame Ausstellung stehen

"Es gibt in Moskau neue Mitarbeiter, ein neues Team", sagt Yurchenko. Die langjährige Direktorin des Puschkin-Museums, Irina Antonowa, die einst die Beutekunst in Moskau entgegennahm und lange Zeit nicht einmal darüber sprechen sollte, ist im Dezember gestorben. Zuvor schon hatte ihren Posten im Puschkin-Museum Marina Loschak übernommen, jetzt eine treibende Kraft der Kooperation.

Fünf Jahre noch läuft ihr Vertrag mit dem russischen Kulturministerium, für genauso lange Zeit wird der Kooperationsvertrag abgeschlossen. Am Ende, so hoffen die Gothaer Museumsmacher, stünde idealerweise eine gemeinsame Ausstellung der Gothaer Bestände aus Sachsen und aus Moskau an einem neutralen dritten Ort. Eine reale Zusammenschau der Gothaer Bestände könne "die Wucht und die Bedeutung des mitteldeutschen Sammlungsstandortes Gotha international sichtbar machen", sagt der Direktor Pfeifer-Helke: "Davon träumen wir, das werden wir mit aller Kraft verfolgen."

Viele Beutekunst-Gespräche kreisen gerade sehr intensiv um einen solchen imaginierten "dritten Ort", sei es Wien, sei es die Schweiz. 1993 hat ein russisches Gesetz alle "kriegsbedingt verlagerten" Kulturgüter als eine Art Reparationen durch Kunst zu russischem Eigentum erklärt. Deutschland wiederum hat seinen Anspruch auf die Beutekunst nie aufgegeben. Moskau wird die Beutekunst also auf lange Zeit nicht nach Deutschland schicken, weil nicht sicher ist, ob sie zurückkehren wird.

Immerhin gelingen inzwischen regelmäßig gemeinsame Ausstellungen in Russland. Ende 2020 ist in Sankt Petersburg mit der Ausstellung "Eisenzeit" - nach den "Merowingern" 2007 und der "Bronzezeit" - bereits die dritte Ausstellung mit Exponaten aus deutschen Museen und Beutekunst aus russischen Museen eröffnet worden. Die Stiftung Schloss Friedenstein Gotha wiederum hatte vor einigen Jahren Cranach-Gemälde ans Puschkin-Museum ausgeliehen, wo sie in einer gemeinsamen Ausstellung neben jenen Cranachs hingen, die "kriegsbedingt verlagert" wurden.

© SZ/clu
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Pressebilder: Diversity United
ACHTUNG:  VG Bild-Kunst, Bonn 2021.
Credit ist vollständig zu nennen!!!

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