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Gorki Theater:Kampflieder für den Bruderstaat

drama berlin de 06 10 2016 Maxim Gorki Theater Berlin žATLAS DES KOMMUNISMUS von Lola Arias und Ense

Szenen aus dem real existierenden Sozialismus.

(Foto: Imago/Drama-Berlin)

Die Regisseurin Lola Arias erzählt in "Atlas des Kommunismus" bewegende Geschichten aus der DDR.

8000 Ostmark musste Mai-Phuong Kollath im Jahr 1987 zahlen. Eine Entschädigung an die DDR, denn sie hatte ein Kind bekommen. Das war für vietnamesische Vertragsarbeiterinnen nicht vorgesehen. Vorgesehen waren: fünf Quadratmeter Wohnfläche in einem Hochhaus. Die Abnahme des Reisepasses bei der Einreise, damit man nicht fliehen konnte. Und das Einüben vietnamesischer Kampflieder nach Feierabend. Schließlich galt es, den sozialistischen Bruderstaat bei offiziellen Anlässen zu repräsentieren.

Mai-Phuong Kollath steht auf der Bühne des Berliner Maxim-Gorki-Theaters und erzählt, was sie vor fast 30 Jahren erlebt hat. Ganz ohne Pathos macht sie das. Sie steht einfach da, in einem grünen Kleid, und spricht. Ihr Gesicht, das groß auf der Leinwand zu sehen ist, erzählt von den Spuren, die das Erzählte in ihrem Leben hinterlassen hat. Die vietnamesischen Kampflieder hat sie gehasst. Stattdessen mochte sie ein anderes Lied; das erste, das sie auf Deutsch gelernt hat. Wie ein junges Mädchen wiegt sie sich in den Hüften und singt "Ein bisschen Frieden". Es ist ein großer Moment, trotzig und versöhnlich zugleich.

Selbstverständlich: Wenn einem bei Schlagermusik fast die Tränen kommen, hat das Theater alles richtig gemacht. So wie die argentinische Regisseurin Lola Arias und ihr Ensemble überhaupt ziemlich viel richtig machen an diesem Abend, der etwas unpassend "Atlas des Kommunismus" heißt. Erzählt wird nämlich vom Leben im real existierenden Sozialismus.

Arias und ihr Dramaturg Aljoscha Begrich haben Akteurinnen gesucht, die die DDR auf die eine oder andere Weise erlebt haben. Da ist Salomea Genin, die als Kind jüdischer Eltern nach Australien emigrierte und später als glühende Kommunistin Stasi-Informantin wurde. Da ist Matilda Florczyk, die als Dolmetscherin die Worte Günter Schabowskis von der Öffnung der Mauer übersetzte - und danach arbeitslos wurde. Und da ist die Schauspielerin Ruth Reinecke, die seit 37 Jahren am Gorki-Theater engagiert ist. Zwischendurch verstaubte sie im Haus als Ost-Inventar. Seit einigen Jahren ist sie zum Glück wieder sehr gefragt. 1988 spielte sie in Volker Brauns legendärem Stück "Die Übergangsgesellschaft" mit, das die Wende vorwegnahm. Ihren großen emanzipatorischen Monolog von damals spricht sie jetzt noch einmal - ein Wahnsinnsmoment.

Das Publikum ist in zwei Hälften geteilt und sitzt im Zuschauerraum und auf der Hinterbühne. In der Mitte liegt die Bühne, und auch die ist geteilt: mit einem weißen Lamellenvorhang, der die Berliner Mauer ebenso symbolisiert wie gesamtdeutsche Spießigkeit (Bühne: Jo Schramm). Auf den Vorhang wird projiziert, was auf der anderen Seite passiert. Ein paar Stühle, Kleiderständer und der abgeschlagene Kopf eines Lenin-Denkmals vermitteln diffuses Probebühnen-Setting.

In loser Abfolge werden Geschichten erzählt, Dokumente vorgezeigt und Szenen angespielt. Zwischen 9 und 84 Jahre sind die Darstellerinnen; bis auf den Performer Tucké Royale sind alle weiblich. Salomea Genin hielt einst den Bau der Mauer für eine gute Idee. Die junge Aktivistin Helena Simon, die sich für Flüchtlinge einsetzt, kennt diese Mauer nur aus Erzählungen.

Auch die Nachwendezeit ist Thema. Tucké Royale berichtet aus dem Quedlinburg der 90er-Jahre, also von Schäferhunden, Seidenmalerei und Neonazis. Auch für Mai-Phuong Kollath wurde nicht alles gleich besser. Erst mal waren da die Männer mit Glatzen, die sie in ihrem neu eröffneten Imbiss bedrohten. Ihr ehemaliges Wohnheim in Rostock-Lichtenhagen wurde angezündet. Heute arbeitet sie als interkultureller Coach.

Auch wenn mancher Übergang holpert, manches Frage-Antwort-Spiel etwas auswendig gelernt klingt: Es gibt tolle Momente, in denen die Darstellerinnen zu sich kommen. Das liegt auch an der Musik, die Jens Friebe arrangiert hat und an Gitarre und Keyboard intoniert. Die ehemalige Punksängerin Jana Schlosser, die wegen ihrer Musik im Gefängnis saß und erst mal ein bisschen bieder wirkt, fegt wie ausgewechselt zu ihrem alten Hit über die Bühne. Von Gerhard Gundermann bis Wolf Biermann reicht der Soundtrack, ein lückenhaftes Best-of eines verschwundenen Landes.

Lola Arias, Dokumentartheaterprofi mit Dauer-Abo bei den großen Festivals, interessiert sich meist für das Private im Politischen. Das ist auch diesmal so. Wer neue Erkenntnisse über den Kommunismus erwartet, ist hier falsch. Wer sich über kleinere begriffliche Unschärfen ärgert, auch. Dafür werden Schlüsselszenen erzählt - so subjektiv, wie Erinnerung nun mal ist. Ein Atlas, der den Kommunismus vermisst, ist der Abend nicht geworden. Dafür ein höchst liebenswertes Geschichtenalbum.