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Gorki-Theater Berlin:Stereotypen-Parade

Sozialer Stresstest am Berliner Maxim-Gorki-Theater: Elena Schmidt und Vidina Popov (als schwangere Maria) in dem Problemstück "Maria".

(Foto: Ute Langkafel / MAIFOTO)

Hausregisseur Nurkan Erpulat inszeniert am Berliner Maxim-Gorki-Theater das Sozialstück "Maria" von Simon Stephens. Es geht um eine schwangere Achtzehnjährige, Einsamkeit, Digitalisierung und andere Probleme im 21. Jahrhundert.

Es gibt Werbetexte, die vernichtender sind als jeder Verriss. "Maria sucht Nähe und Wärme in der Kälte und Unbehaustheit des 21. Jahrhunderts", verspricht das Berliner Maxim-Gorki-Theater in bestem Degeto-Problemschnulzen-Stil. Die Alleinerziehende "gehört zu jenen, die es am schwersten haben und leicht sozialer Verwahrlosung zum Opfer fallen dürften - doch sie begibt sich allem trotzend unbeirrt auf die Suche und bahnt sich mit großer Selbstverständlichkeit ihren eigenen Weg durch die chaotischen Umstände." Eine Frau geht ihren Weg. Ja, so klischeetriefend lässt sich der Inhalt von Simon Stephens' routiniert skizziertem Stück "Maria" zusammenfassen. Nurkan Erpulats Inszenierung hält, was die Werbung verspricht.

Als wollte er die flachen Figuren mit ihren flachen Dialogen und aus dem Fertigbaukasten zusammengesetzten Problemlagen möglichst schnell abhaken, setzt der türkische Hausregisseur des Gorki-Theaters im ersten Teil des Abends gerne auf erhöhtes Sprechtempo. Vermutlich soll das sozialen Stress signalisieren. An Gründen dafür fehlt es nicht: Maria, kraftvoll und beherzt gespielt von Vidina Popov, ist 18 und schwanger, vom Erzeuger keine Spur, der Putzjob im Fitnessstudio ist auch kein Vergnügen. Ihr Bruder ist abgetaucht, ihre Mutter tot, überfahren von einem übermüdeten Lkw-Fahrer, das Leben im Kapitalismus ist nicht schön. Nur Marias schrullige Oma wärmt das Herz mit Lebensweisheiten. Natürlich geht es auch um Einsamkeit und Digitalisierung, also jobbt Maria nach der Geburt ihrer Tochter als Chatroom-Gesprächspartnerin für all die kaputten Seelen da draußen. Sie hofft, dass ihr irgendwann ein Algorithmus die schwierigen Lebensentscheidungen und lästigen Gefühle abnimmt. Kulturpessimismus war auch schon mal raffinierter.

Erpulat versucht ehrlicherweise gar nicht erst, aus diesem Pappkameradenpersonal komplexere Figuren zu machen. Er gibt die fröhliche Stereotypen-Parade aus der vitalen Unterschicht, zur besseren Unterhaltung gerne unterbrochen mit kleinen Tanz- und Musikeinlagen. Man muss die schmerzfreien Gorki-Schauspieler (darunter Çiğdem Teke, Till Wonka) für den Wumms bewundern, mit dem sie sich in die Schlacht werfen, ohne den Abend retten zu können.

© SZ vom 18.02.2020
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