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Goooooooogle wächst und wächst:Hase und Google

Wer wird König von Digitalien? Immer der mit den besten Ideen. Und so gute Ideen wie Google hat schließlich keiner: Wie eine Suchmaschine das neue Internet regiert.

BERND GRAFF

Die sprichwörtliche "Nadel im Heuhaufen" kennt jeder. Sie ist das Synonym für eine aussichtslose Suche. Nun kommt jemand auf die Idee, im Heuhaufen nicht nach Nadeln zu suchen, sondern nach Heu - und zwar nach einzelnen Halmen. Nach jedem einzelnen Halm.

Wir wissen ziemlich genau, was uns dieser "Herr Doktor" empfehlen wird: Sein Name ist Larry Page. Er ist Mitbegründer von Google

Willkommen im Internet! Willkommen bei den Suchmaschinen! Denn hier haben die Pioniere des Netzes eine ziemlich avancierte technische Infrastruktur aufgebaut, bieten kostenlose Recherchedienste an und behaupten, das sei die Zukunft. Wunderbar! Das reicht für den Heiligenschein. Nur als Businessplan klang es lange wie eine Schnapsidee. Inzwischen aber ist das Geschäft mit der Suche in Digitalien börsennotiert. Es gibt heftige Konkurrenz und unter ihnen einen Aktiendarling, den jeder kennt. Er trägt den immer noch albernen Namen Google.

Diese Suchmaschine verdient Geld nicht mit der Suche, sondern mit den Funden: Unternehmen schalten Anzeigen auf den Seiten mit den Trefferlisten. Das zieht. So legten die Google-Aktien im vergangenen Jahr um mehr als 150 Prozent zu. Inzwischen ist die Marke mit dem Nachtgebets-Slogan: "Don't be evil!" ("Sei niemals böse!") tatsächlich mehr wert als Coca-Cola, IBM und General Motors, ach, vermutlich bald mehr als die ganze Automobil-Industrie zusammen, einschließlich Matchbox.

Hase und Google

Google ist groß. So groß, dass inzwischen die Europäer unter der Führung Deutschlands und Frankreichs eine Art Gegen-Google planen. Quaero (lat. "Ich suche") soll es heißen. Dahinter verbirgt sich die Idee einer Suchmaschine für bedeutende "Dokumente des Kulturerbes", wie es etwas schwammig heißt. Entwickelt werden soll Quaero von führenden deutschen und französischen Unternehmen wie Thomson, Siemens, France Télécom und der Deutschen Telekom. Ein Topf von immerhin eins oder gar zwei Milliarden Euro soll dafür aufgebracht werden - wenn die Europäische Kommission mitzieht. Das klingt gewaltig, ist aber eher rührend, wenn man bedenkt, dass Google allein in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres 327 Millionen Dollar nur für Forschung und Entwicklung ausgegeben hat.

Anlässlich der Consumer Electronics Show in Las Vegas vor wenigen tagen stand Herr Page auch mal auf der Stoßstange. Auf dem Schlauch steht er nie.

Nüchtern betrachtet kann man das alles nicht fassen. Allerdings muss man bei Googles geschätztem Börsenwert von um die 130 Milliarden Dollar ja auch fast nicht mehr überlegen, ob ein Unternehmen, das auf der Forbes-Platinum-Liste der 400 erfolgreichsten Unternehmen nur deshalb noch nicht auftaucht, weil es weniger als zwei Jahre an der Börse notiert ist, ob ein solches Unternehmen auch immer sinnvolle Dienste anbietet. Beziehungsweise: Dienste, deren tieferer Sinn oft gar nicht abzusehen ist. Denn die Firma mit Stammsitz im kalifornischen Mountain View überschlägt sich seit einiger Zeit mit immer neuen Angeboten, die bereits dann in aller Munde sind, wenn sie das so genannte Beta-Stadium, das Stadium der ersten Härtetests, noch gar nicht verlassen haben.

So machte zu Jahresende Google durch eine fünfprozentige Beteiligung an AOL von sich reden, weil man vermutete, dass Google nun ins Geschäft mit Bezahl-Fernsehen und -Videos einsteigen könnte. Zuvor hörte man von der im Aufbau befindlichen Google-Bibliothek, für die schon bald 15 Millionen Bücher digitalisiert werden sollen. Am Dienstag wurde vermeldet, dass Google innerhalb von drei Jahren 1,14 Milliarden Dollar in den Aufkauf von dMarc Broadcasting investieren wird, in ein Unternehmen, das automatisiert Werbeanzeigen an Radio-Stationen verschickt.

Alles dies aber ist nichts gegen die Innovation "Google Base", eine Universal-Datenbank, die nahezu alles erfassen soll, was man so an Wort, Bild und Ton in Bits und Bytes niederlegen kann: Private Verkaufsanzeigen, Coupons und Event-Termine, Jobangebote, Blogs und Vlogs ebenso wie News, Rezensionen und Kochrezepte. Der Clou dieses Anzeigen-Konglomerats besteht darin, dass die Nutzer aus Eigeninteresse aktiv zum Wachstum der Datenbanken beitragen. Google stellt die Infrastruktur und übernimmt die Aufbereitung der Inhalte - wie auch ihre intelligente Verknüpfung. "Mashup" heißt das Stichwort: Gemeint ist die sinnvolle Kombination von Einträgen, die erst im Verein einen, sagen wir: geldwerten Vorteil bieten. Etwa die Verknüpfung von Wohnungsinseraten mit den Ansichten von "Google-Earth."

Google führt eins zum anderen. Und das macht seinen Erfolg aus. Ein Erfolg, der auf einer alten, nun ins Web übertragenen Formel basiert: Masse und Macht.

Hase und Google

Prägen Sie sich den Namen ein: Page - wie die pages, die Google findet.

(Foto: Alle Fotos: AP)

Masse - das sind hier die Webseiten voller Krimskrams, darunter auch Informationen. Denn unabhängig davon, dass Google selbst das noch sucht und findet, was man gar nicht vermisst hat - mit "Google Desktop" sogar auf der Festplatte des eigenen Computers - unabhängig davon hat sich auch das Internet inzwischen gewandelt. Man spricht inzwischen vom "Web 2.0" und meint damit: Uns alle. Bislang wurde das Netz von Spezialisten bestellt und bestückt. Nun bricht die Ära der Laien an. Als Publizisten wie Multiplikatoren.

Die Computerzeitschrift c´t hat die neuen Spielwiesen dieses Web 2.0 als "synergetische Kombination aus Buch, Zeitung, Telefon, Radio und Fernsehen" bezeichnet und erkennt darin "den kollektiven Assoziationsraum". Die Zeitschrift Nature spricht von "dynamischer Interaktion der Nutzer in Echtzeit." Und der Netztheoretiker George Dyson belegt das zweite Web mit dem alten Topos von John Cage: "The Mind we all share": Das universelle Bewusstsein. Vielleicht stimmt das ja alles.

Mit weniger Sympathie kann man im Web 2.0 allerdings auch ein dauererregtes Sammelsurium von beliebigem, aber publizierten Zeug erkennen: Selbst das, was früher aus gutem Grund in den Schubladen verschwand, will nun veröffentlicht, gesucht und gefunden sein. Ein Stroh, das auch deshalb nicht zu Gold gesponnen ist, weil Google es halmweise findet. Sobald Google es aber findet, scheint es relevant.

Die Macht über diese amorphe Suchmasse, das ist nun googleseits ein geheimer als geheim gehaltener "Algorithmus", also eine mathematische Methode, nach der Googles Suchmaschinen diesen auflaufenden Content durchkämmen. Die Fundseiten werden dabei nach ihrer Wertigkeit gefiltert, indiziert und gelistet. Allein, was ist Wertigkeit?

Im Jargon der Techniker nennt man dies "Page-Ranking". Und Google behauptet: "PageRank nimmt eine objektive Bewertung der Wichtigkeit von Websites vor." "Objektivität" gerät allerdings dann in den Ruch von Willkür, wenn man nicht weiß, nach welchen Kriterien sie gefunden wurde. Denn einerseits - so die c't: "Durch Googles PageRank wird der Link zur Währung." Während andererseits selbst Spezialisten einräumen, dass Google seine Treffer nicht selten wie ein Orakel unters Suchvolk streut.

Der Such-Algorithmus von Google darf als das vielleicht am besten gehütete Geheimnis des Netzes gelten. Oder aber, so fürchten Kritiker, als Ausdruck eines gefährlichen Informationsmonopols. Denn Google will nicht einfach Websites erfassen, sondern "die Informationen der Welt organisieren." Das klingt vermessen. Im Economist bezeichnete ein Analyst Google schon als "Religion im Gewand eines Unternehmens" und attestierte ihm missionarischen Eifer im Zeichen des "Algorithmus-Gottes".

So wandeln sich die Feindbilder: Während man Ende der Neunziger die Firma Microsoft dafür hasste, dass sie angeblich ein Monopol über die Software auf den heimischen PCs hielt, unterstellen Skeptiker nun Google, es wolle ein Info- Monopol in den Köpfen behaupten - und könne es auch. Denn was immer Menschen im Netz suchen - Google müssen sie nie suchen. Denn Google ist immer schon da. Obwohl manche seiner Visionen dem Versuch gleichen, "eine aufgrund des unberechenbaren Nutzerverhaltens an sich irrationale Industrie nachträglich zu rationalisieren", wie ein Experte zum jüngsten Google-Deal bemerkte. Und dafür sei die Welt nicht reif.

Die c't hat übrigens ihren Google-Artikel mit dem Bild eines Kraken verziert, der seine Arme in alle Richtungen streckt. Einer dieser Arme würgt den Hai Microsoft, das ewige Zuspätkommer-Unternehmen. Das Bild einer immer dichter webenden Spinne im Netz mit einer bereits vorverdauten Microsoft-Beute wäre treffender gewesen.

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