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"Gone Girl" im Kino:Auf Puderzuckerstaub muss Blut folgen

David Fincher gilt zwar seit seinem Meisterstück "Sieben", einem finsteren Neo-Noir über die Abgründe der modernen Großstadt, als talentiertester von Hollywoods Plot-Zauberern. Einer, der die Zuschauer stundenlang an der Nase herumführen und ihnen dann ein Ende hinknallen kann, dass ihnen der Mund offen stehen bleibt.

Diese Kunst ist auch der Grund, warum man ihn als Executive Producer für die Netflix-Hitserie "House of Cards" engagiert hat, die von genau solchen Plot-Finten lebt. Auch "Gone Girl" hat natürlich wieder einen ultrafiesen Clou.

Trotzdem interessiert sich der Filmemacher Fincher neben dem Auflösen von Plots vor allem für das Auflösen menschlicher Hemmschwellen, für gnadenlose Borderline-Experimente - weswegen er in "Gone Girl" das perfekte Fincher-Material gefunden hat.

Schon ihren Roman hatte Gillian Flynn, die vor ihrer Schriftstellerinnenkarriere wie ihre Protagonisten als Entertainment-Journalistin gearbeitet hat, als ein derbes "fuck you!" konstruiert. Und zwar an die Propagandistinnen jener neokonservativen Liebesromantik, über die sie früher schreiben musste: All die "Twilight"-Meyers und "Hunger Games"-Collinses, die eine Disney-Version der Liebe verkaufen, die nicht mal mehr Disney selbst im Angebot hat.

Flynn geht es nicht - wie in der klassischen amerikanischen Popkultur üblich - um die Konstruktion eines Paares, sondern um seine Dekonstruktion. Und darum, dass ein Happy End, konsequent durchdacht, eigentlich ein Horrortrip ist. Weshalb auf den kitschigen Puderzuckerstaub natürlich Blut folgen muss, viel Blut.

Duschszene, so fies wie bei Hitchcock

Daran knüpft Fincher mit diabolischer Freude an - und macht aus seinem Thriller einen fiesen Horrortrip über die Untiefen einer modernen Paarbeziehung, in der es gar nicht mehr um Schuldzuweisungen geht, sondern darum, wer im Alltag der tüchtigere Soziopath ist.

David Fincher streitet gerne ab, dass er ein legitimer Hitchcock-Nachfolger sei. Dennoch hat er in "Gone Girl" mit seinem fatalistischen Pärchen eine Duschszene gedreht, die mindestens genauso fies ist, wie jene aus "Psycho" - aber ganz ohne Messermord auskommt.

Eine Szene der absoluten Desillusionierung, so brutal, wie nur zwei Menschen miteinander umgehen können, die sich einmal sehr geliebt haben. Zuerst ist man zu blind, um die Wahrheit zu sehen, und wenn man die Wahrheit kennt, wünscht man sich, man wäre wieder blind. Vielleicht der ideale Film für frisch Verliebte.

Gone Girl, USA 2014 - Regie: David Fincher. Buch: Gillian Flynn, nach ihrem Roman. Kamera: Jeff Cronenweth.Mit: Ben Affleck, Rosamund Pike, Neal Patrick Harris, Kim Dickens, Tyler Perry, Patrick Fugit. Fox, 149 Minuten.

© SZ vom 01.10.2014/pak

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